Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 559 - 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Sie wandern ...
Date
1904-08-01
Page
Seite 559 - 560 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583927-2590545--04241-2590656
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

559 vSie wandern. 560 und ohne Worte und ohne dass man ihre Stimme vernimmt", stumm und doch so eindringlich sprechen. Sie klagen nicht, sie ringen nicht die Hände, sie ballen nicht die Fäuste. Sie führen auch keine Unterhaltung miteinander. Lautlos schreiten sie dahin, und ihre Schritte knistern trocken über die hartgefrorene Schneedecke, mitten in dem einsamen hellen Wintertag. Aber horch! Wenn du nicht nur mit dem leiblichen Sinn, sondern auch mit der Seele hören kannst, so horche! Lies in ihren Mienen, und du wirst deutlich •die Sprache vernehmen, die ihre Seelen zu dir reden. Es ist ein gewaltiger, erschütternder Chorus, zu dem die einzelnen Stimmen zusammenfliessen. Wie wunderbar hat hier der Künstler die Instrumente, jedes gleichsam auf einen anderen, nur ihm eigenen Ton gestimmt! Die Stimmung des Moments malt sich in jedem Kopfe, in jedem Antlitz anders. Aber ein Grundton beherrscht alle. Es umwittert sie alle gleichsam eine Spannung, eine sinnende Sehnsucht nach etwas Verlorenem, das nicht wiederkehren wird, eine lange Erwartung des Kommenden. WTie sie so dahinschreitem vom kalten Winterlicht umflossen, richten sich ihre Blicke nicht nach vorwärts, sie sind nach innen gekehrt und suchen gleichsam in der Menge verflossener Erlebnisse, die irgendwo auf dem Grunde der Seele schlummern, nach ■etwas Leuchtendem, Warmem. Die längst vergangenen Tage leben wieder auf. Was mag wohl der Alte, der an der Spitze marschiert — eine in ihrer Schlichtheit wahrhaft monumentale Gestalt! — was mag er wohl für Bilder vor seinem Geiste vorbeiziehen sehen?!___ Eine fröhliche, sorglose Kindheit im Cheder, mitten im Kreise lärmender, spielender Kameraden, die Jugendjahre im Bethamidrasch, wo er die Nächte durchwachte, um die Rätsel der heiligen Bücher zu ergründen. Wer war so töricht, an die Zukunft zu denken, war so kleingläubig, zu argwöhnen, dass rauhe Stürme sich erheben könnten, um diesem kleinen idyllischen Dasein ein Ende zu machen? Dann wurde der junge Weise, der eine gar imponierende Dosis von Gelehrsamkeit ins Leben mitbrachte und heimlich nach dem Rabbinertbron des benachbarten Städtchens hinüberschielte, zum Hausvater, und allmählich erfuhr er, dass sich die Zeiten gewaltig geändert hatten. Und sie änderten sich immer mehr. Nun hat er die Mittagshöhe seines Lebens überschritten, „und von all seiner Mühe hat er nichts geerntet". Er steht einsam da. Seine Söhne haben sich in die Welt zerstreut, die Frau weilt längst nicht mehr unter den Lebenden. Er ist entwurzelt. Nun schreitet er, den Wanderstab in der Hand, allen voran, etwas, aber nicht ganz unter der Bürde seines Schicksals gebeugt, und sinnt wohl voller Mitleid über das Los der anderen nach. Nein! Die haben es gewiss viel schlimmer! So mancher von ihnen hatte soeben erst sein Zelt aufgeschlagen, hatte sich häuslich eingerichtet auf der fremden Erde, die -doch zehn oder fünfzehn Generationen seiner Vorfahren eine Heimat gewesen. Doch plötzlich zuckte die fremde Erde, wie in einem Beben .... Die Zuversicht hatte getrogen. Alles brach plötzlich zusammen. Nun lassen sie alle begrabene Hoffnungen zurück und nehmen wehmütige oder schreckliche Erinnerungen mit sich, und ziehen hinaus in die weite unbekannte Ferne, und nur die Kleine da vorn, die sich von ihrer Lieblingskasserolle nicht trennen wollte, träumt vielleicht in ihrem Kinderköpfchen von sonnigen, duftigen Gefilden, mit hellen Farben und prangenden Blumen, wohin sie ziehen möchte. Doch siehe da, am anderen Ende, welch markante Gestalt! Schon durch die Kleidung unterscheidet sie sich von den anderen. Das ist ein Gebildeter! In seiner Jugend mag er sich wohl zur alleinseligmachenden Bildung bekehrt haben und den Glauben an die Bildung mit demselben Fanatismus verfochten haben, wie vordem den Glauben an den Wunderrabbi. Er schwärmte für die Kultur und brachte ihr den Bart, die Peoth, den langen Rock und die Vorurteile zum Opfer. Und er ärgerte sich und zürnte, dass die grosse Menge seiner Brüder ihm nicht mit gleich raschem Schritte folgen mochte in das Reich der Kultur. Allmählich tat sich zwischen ihm und ihnen eine Kluft auf. Sie wurden ihm fremd und immer fremder. Er wandelte im Licht, sie tappten im Finstern. Er fühlte sich der Erlösung nahe. Die Epoche der allgemeinen Verbrüderung und des ewigen Heils stand unmittelbar bevor. Nur noch eine Weile----Da, plötzlich!.. Also auch die Kultur und die Verbrüderung und die Aufklärung hatten getrogen---- Ueber Aufgeklärte und Unaufgeklärte zuckte der Blitzstrahl gleich mässighernieder und regneten die Steine und die Feuerbrände ohne Wahl.. Und so griff auch der Aufgeklärte zum Wanderstab, und trat zu den Seinigen hin, und er wandert mit ihnen . . . Doch, wenn alles wankte und trog, Eins gibt es, das nimmer wankte und nimmer trog, das sie durch die Stürme der Jahrtausende stets und überallhin begleitete und wie ein ewiger Quickborn, nimmer versiegend, ihnen stets von neuem Kraft und Frische spendete. Da haben sie nun alles im Stiche gelassen, die zerstörten Heimstätten und die vernichteten Hoffnungen und die verwüsteten Vatergräber, aber das Eine haben sie nicht vergessen. Siehe, in der Mittelgruppe schreitet ein einfacher, unansehnlicher Mann. Nicht weit von ihm presst ein Vater sein Kind mit sorgfältiger Gebärde an die Brust. Er aber — er trägt, in ein verblichenes Mäntelchen gehüllt, eine kleine Thor ah ... Da wandern sie nun in lautloser Stille dahin, durch den hellen, schneeweissen Wintertag, vom kalten Licht umflossen. Ein altes, uraltes Bild! Gleich ihnen wanderten ihre Vorfahren in längst verflossenen Zeiten, gleich ihnen wandern vielleicht zur selbigen Stunde in einem anderen Lande ihre Brüder, vielleicht durch unwiitliche Steppen, vielleicht durch sengende Sandwüsten . . . Sie wandern, sie wandern . . . Wohin? . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.