Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Sie wandern ...
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 553 - 554 (sequence 1)
- Language
- German
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553 554 SIE WANDERN . . . (Unter dem Eindruck des neuesten Gemäldes von Hirszenberg „Golus".) Nachdruck verboten. Es war an einem hellen, schneeweissen Wintertag. Die blinkende, glitzernde Decke hatte die Erde weit und breit eingehüllt, matt und kalt leuchteten die schrägen Sonnenstrahlen von dem milchweissen, niedrigen, harten Himmel hernieder. Schweigen herrschte ringsum, alle Töne schienen in der Natur erstant zu sein, jeglicher Ausdruck des Lebens schien sich vor den Schauern des Frostes unter die Erde versteckt zu haben. . . . Solch eine Winterstimmung lockt ein Künstlerauge zum Schauen, zum Sinnen und zum Träumen an. Und das Auge des Künstlers blickte in den traumhaften Lichtdunst hinein, der sich vom Himmel zur Erde wob, voll mattgelber Reflexe, an den Seiten leicht goldig schimmernd; es blickte hinein in die Ferne, die sich am Horizont wie in einen zarten, bläulichen Schleier hüllte — und es sah. Es tauchten plötzlich vor ihm Gestalten auf, wohl bekannte, vertraute Gestalten, zuerst schüchtern und vereinzelt, dann kamen sie immer zahlreicher, reihten sich aneinander, ordneten sich zu einer Schar, ihre Bewegungen nahmen Leben und Ausdruck an, ihre Züge wurden immer deutlicher und beredsamer. Mitten in der Stille und der Einsamkeit der winterlichen Landschaft spielt sich ein Stück ergreifenden Massenlebens ab. Das Auge des Künstlers späht, mit ungeheuer klarer, fast schmerzlicher Schärfe spiegeln sich darin die Linien und Umrisse der geschauten Menschengestalten ab. Und immer zahlreicher erscheinen sie auf dem Plan, bald füllen sie den ganzen Horizont, ein mächtiger dunkler Fleck auf weissem Hintergrunde. Und nicht nur das Auge des Künstlers spähte, seine ganze Seele lauschte gespannt. Und die Gestalten da vor ihm fingen zu reden an. Stumm und wortlos erzählten sie eine grandiose, eine mächtig ergreifende r) Das neueste grosse Gemälde von Hirszenberg, dessen Reproduktion wir hier bieten, war zur Stunde der Aufnahme noch nicht fertiggestellt. Daher ist die letzte Gruppe an der auch noch einige Figuren fehlen, ziemlich matt ausgefallen. Auch konnte der Apparat nich t die ganze Leinwand auffangen, darum fehlt an der Reproduktion die obere Partie mit dem winte rlichen Himmel. Das nächste Heft unserer Zeitschrift bringt eine ausführliche Würdigung des Künstlers und seiner Werke. SAMUEL HIRSZENBERG. Erster Entwurf zum Gemälde „Golus". Epopö des Jammers, einen vielhundertjährigen Roman der Not und des Kummers zahlloser Geschlechter. Und was das Auge des Künstlers geschaut und sein inneres Ohr erlauscht, das hat die Hand des grossen Menschenbildners für ewig festgebannt..... Sie wandern! . . . Wie eine düstere Wolkenschar am hellen Himmel, von einem geheimnisvollen Windhauch getragen, ziehen sie vorbei. Je länger man auf das Bild hinsieht, desto stärker wirkt die Illusion der Bewegung auf die Phantasie. Noch eine Weile, und sie werden in der Ferne verschwunden sein, nur im Schnee ihre Spuren zurücklassend, und das Knistern ihrer Tritte im Schnee wird ihnen nachhallen. Aber ihre Gestalten prägen sich für immer ein; und schliesst man die Augen,, so sieht man stets vor sich diese ziehende Menschenwolke am hellen Himmelsgrund, von einem geheimnisvollen Windhauch getrieben. Eine Vision, von einem grossen Künstler mit starker Hand hingezaubert. Ein Stück lebendigen Lebens, durch das Prisma eines glühenden, machtvollen Temperaments gesehen. Mit einem derben, fast rücksichtslosen Realismus sind die Gestalten gezeichnet, mit minutiöser Gewissenhaftigkeit beobachtet und studiert. Es sind lauter Figuren vom Markt, von der Strasse, alltäglich, banal, wie man ihnen zu jeder Stunde auf Schritt und Tritt im Ghetto begegnen kann. Und sie sind hier in ihren wochentäglichen, grauen, banalen Bewegungen festgehalten. Keine Spur von Pose ist an ihnen. Sie sind nicht arrangiert. Hier ist alles Wahrheit, nichts ist Dichtung. Diese ungeheure Melancholie, diese trübe Schwermut, die sie mitten in dem grellweissen Wintertag umweht, hat nichts Gekünsteltes an sich, der Maler hat es verschmäht, durch die vielen ihm zu Gebote stehenden Mittel eine Stimmung zu erreichen. Die Gestalten tragen die Stimmung mit sich. Mitten aus ibrer täglichen Beschäftigung heraus sind sie hierher gekommen und hatten keine Zeit, Haltung anzunehmen, sich vor den Beschauer in vorteilhafter Positur hinzustellen. Wie sie standen, so gehen sie nun. Sie wandern! . . . Woher? . . . Wohin? . . . Das erzählen ihre Physiognomien, die „ohne Rede