Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Hervorragende Vertreter des Zionismus in Russland [Abbildungen]
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 537 - 538 (sequence 1)
- Language
- German
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537 THEODOR HERZLS Von Nah um Sokolow. Leider wird die Welt nur •einen Teil der merkwürdigen Aufzeichnungen, die Herzl hinterlassen hat, sehen — und auch diesen Teil erst nach einigen Jahren. Die Aufzeichnungen Herzls umfassen den Zeitraum vom 1. Juni 1897 bis April—Mai 1904 und reichen daher bis in die schweren Leidenstage, die dem Tode Herzls vorangingen. Das Original des Tagebuches ist teilweise auf grossen Bogen, teil weise auf Brief Formularen geschrieben. Herzl veränderte fast nichts an seiner ersten Handschrift. Das ganze Buch ist der Wiedergabe wert, allein ich will mich auf die nacherzählten charakteristischsten Stellen beschränken, welche Herzls wunderbare Eigenschaften in hellstem Lichte erscheinen lassen. Oft scheint die Feder Herzls in Galle getaucht gewesen zu sein, wenn er sich gegen die hartnäckigen „Antizionisten" hie und da wendet; zuweilen ergeht er sich in dichterisch-philosophischen Bemerkungen, und manchesmal übersprudelt er von Humor und Uebermut wie ein Knabe, der auf Ferien gegangen ist und der sich über seine ernste Umgebung Dr. E. Tschlenow (Moskau). Hervorragende Vertreter des Zionismus in Russland TAGEBÜCHER. (Nachdruck verboten.) lustig macht. Wie der Charakter Herzls, so ist sein Tagebuch voll von unbegreiflichen Gegensätzen, die sich zu einer wunderbaren Synthese verschmelzen. In den ersten Heften schreibt Herzl über seine Ideenwandlung. Es sind Seitenstücke zu dem bekannten Passus in seinem „Judenstaat", in dem er seine Stimmung vor dem Niederschreiben der Broschüre schildert. Es war ihm zumute, als läge er auf dem dunklen Meeresgrunde und sähe durch das grüne Wasser das Tageslicht über sich, zu dem er nun nie wieder emporgelangen sollte. Die grosse, herrliche Menschenfamilie, die ihn sonst zu entzücken pflegte sie war so unharmonisch, so abstossend, so kalt! Das Leben lag vor ihm als etwas unsäglich Herzloses, voll von Widersprüchen, von Doppelrollen. Die Natur selbst schien unglücklich auszusehen in ihrem unbewussten, unfreien Schlummerleben. Ueberall sah er den grässlichsten Kampf ums Dasein geführt; bald blutig, bald unblutig, doch nicht minder grausam. Er war ganz in sich gekehrt. Er dachte überhaupt kaum