Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Unsere Hoffnung
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 535 - 536 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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535 Dr. Theodor Herzl: Unsere Hoffnung. 536 T~ . z> p o i . / -—i ^u^fi-^ .--+*^>l* -*—'T l'u^^wT-^'-«— Vz+yjfi -r-*-o »-*L <i^-T>'a-<J I h-^-?. (/iJJlt 3kr uj-<^<Um- . - // J> p? f T^C^£^vZIX~^7' ~-^^SL^ /^ff^^ l /£<*y ^uu^_v /V~«-vy£- EINE ERINNERUNG AN DR. HERZL Von C. Nachdruck verboten. Es mag etwa neun Jahre her sein, als ich von Herrn Rabbiner Dr. Güdemann in Wien ein Schreiben erhielt, ungefähr folgenden Inhaltes: Ein jüdischer Schriftsteller aus Wien habe eine Schrift verfasst, die er einem im praktischen Leben stehenden Juden vorlegen möchte, der zugleich Interesse für die geistigen Strömungen im Judentums bewiesen habe. Er glaube, dass ich geeigneter zur Prüfunosei, als die ihm bekannten o o 7 Wiener Herren, und er frage deshalb an, wann er mit dem Schriftsteller mich in Berlin besuchen könne. Ich antwortete, dass mich demnächst Geschäfte nach München führen würden, und ich ihm daher den Vorschlag machen möchte, dort mit ihm und dem Wiener Schriftsteller zusammenzutreffen, was für die Herren jedenfalls bequemer sei, als eine Reise nach Berlin. Die Zusammenkunft mit Dr. Herzl — dies war der Schriftsteller — fand dann in der Tat in den „Vier Jahreszeiten" in München statt, und in seinem Hotelzimmer las Dr. Herzl in Anwesenheit Dr. Güdemanns mir das Manuskript des Judenstaats vor. Der Eindruck der Schrift auf mich war, wie ich gestehen muss, ein etwas phantastischer. Von Dr. Herzl schied ich zwar in persönlich gutem Einvernehmen, wie ich ihn auch bei einer späteren Anwesenheit in Wien aufsuchte. Meine Auffassung war indessen der seinen entgegengesetzt, obgleich ich durch Birnbaums ,,Selbstemanzipation4' für die jüdisch-nationale Idee schon gewonnen war. Ich glaube, ihm ungefähr gesagt zu haben, dass er als Dichter sich wohl die Weltoeschichte von oben nach unten denke, während ich als mehr wissenschaftlich gerichteter Mensch mir geschichtliche Entwickelungen von den Massen getragen denken würde. Das seien zwei grundverschiedene Auffassungen, welche trotz aller Sympathien eine sachliche Verständigung unmöglich machen würden. Der Judenstaat hatte einen Erfolg, welchen ich bei Kenntnisnahme des Werkes durchaus nicht geahnt hatte. Bei aller Differenz in den Ansichten — die propagandistische Wirkung, welche das Werk ausübte, hat etwas Erhebendes. Der Judenstaat, wie ihn Dr. Herzl in seinem jüdischen Erstlingswerk geschildert hat, scheint mir noch immer eine Utopie — aber man hat gegen eine Utopie noch nichts bewiesen, wenn man die Unmöglichkeit ihrer Erfüllung annimmt. Man hat gegen den Zionismus, oder richtiger die jüdisch-nationale Idee ebensowenig etwas bewiesen, wenn man die Unmöglichkeit des Judenstaates erweist, wie man gegen die Sozialdemokratie etwas beweist, wenn man die Unmöglichkeit des Zukunftsstaates darlegt. Als positiv dargestelltes Ideal spricht die Utopie stärker zum Gemüt als die lediglich negative Kritik, und deshalb ist die Utopie das beste Mittel, um die Masse, welche stärker vom Gefühl als vom Verstand geleitet wird, aus ihrer Gleichgültigkeit aufzurütteln. In diesem Sinne war Herzls Judenstaat eine Tat. Er hat unvergleichlich mehr als irgend ein anderer dazu beigetragen, das Gefühl der Selbstachtungunter den Juden zu erwecken.