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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 511 - 512

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Dr. Herzl und Sultan Abdul Hamid
Date
1904-08-01
Page
Seite 511 - 512 (sequence 4)
Language
German
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511 Professor Dr. H. Varnbery: Dr. Herzl und Sultan Abdul Hamid. 512 zulassen. Ich hatte noch viele andere Beweggründe vorgebracht, doch es half nichts. Dr. Herzl war für seine Mission mit viel Edelsinn und wahrer Begeisterung ausgerüstet, doch er war schwärmerisch veranlagt, und alle Beredsamkeit war anfangs nicht imstande, ihm sein schönes Traumgebilde zu zerstören. Später gab er einigermassen nach und unwillkürlich zeigte er sich zufrieden, als ihm der Sultan den Antrag stellte, einige jüdische Kolonien in Mesopotamien, nahe den kaiserlichen Domänen, gründen zu wollen. Wieweit die Angelegenheit in dieser Richtung gediehen, das ist mir unbekannt, denn ich hielt mich fern vom späteren Lauf der Unterhandlungen; und ich habe den Absichten meines verstorbenen Freundes nur insofern Vorschub geleistet, soweit dieselben auf eine in Asien und zwar auf türkischem Boden zu gründende Zufluchtsstätte für arme vertriebene Juden Bezug hatten. Und dieses Ziel dünkt mir auch das einzige, mit welchem das Streben des Zionismus für praktisch ausführbar gehalten werden kann. In Argentinien und Uganda mögen die jüdischen Kolonisten unter dem Schutze abendländischer Regierungen vielleicht mehr geordnete Zustände vorfinden, doch diesen Orten fehlt der Nimbus historischer Tradition, und sie werden nie jene Anziehungskraft ausüben, welche dem mit Palästina benachbarten syrischen und mesopotamischen Boden eigen ist. Heute, wo die Türkei im Stadium der politischen und gesellschaftlichen Evolution sich befindet, und wo Tscherkessen, Tataren und sonstige Muhadschir die Niederlassung im asiatischen Teile der Türkei verleiden, heute erwartet die Kolonisten jedenfalls eine schwere Aufgabe, doch mit der Zeit wird es und muss es besser werden. Die jüdischen Kolonien, falls sie den Fleiss und die Beharrlichkeit ihres Stammes dokumentieren, werden in der Zukunft als Musterkolonien sich gestalten und können dem Bestände des ottomanischen Staates wesentliche Dienste leisten. In diesem Sinne wird der Zionismus auch von massgebenden türkischen Staatsmännern aufgefasst, wie ich oft in Erfahrung gebracht. Der Sultan und seine Regierung hoften in den jüdischen. Bürgern gute osmanische Patrioten zu erlangen und werden dieselben jedenfalls kräftigst unterstützen. THEODOR HERZL Von Wilhelm G Es soll kein Nachruf sein und keine Totenklage. Nur eine Erinnerung, die sachte und traurig mit mir geht, seitdem er nicht mehr unter den Lebenden ist, und doch so unmittelbar und persönlich, als ob es gar nicht wahr wäre, dass er tot ist. Eine Strecke Wegs sind wir miteinander gewandert wie gute Kameraden, die wissen, dass einmal die unheimliche Ecke kommt, wo der Weg sich scheidet. Nur dass er, der Jüngere, fast visionären Blickes mit den tiefen schwarzen Augen nach einem grossen Ziele ausschaute, nach einem Ziele weit über die dunkle Ecke hinaus, wohin ich, der Aeltere, ihm nicht zu folgen vermochte. Schon damals nicht, als die gemeinsame Wanderschaft begann und er mir das erste Exemplar des „Judenstaat", das aus der Presse kam, mit der schmeichelhaften Widmung übergab: „Dem ersten meiner Leser in jedem Sinne", und dann noch weniger, als ich, ganz kurz vor seinem ungeahnten Ende, an seinem Bette sass, staunend und betroffen den ..griechischen Liedern" lauschend, die ihm von oldbaum (Wien). Nachdruckverboten. den bleichen Lippen troffen, wie einst dem Elisa ben Abuja, dem „Acher", nur dass er das Gegenteil von dem „Anderen" war, einer, der kein „Anderer" sein, sondern seine Volks- und Glaubensgenossen zusammenschweissen, in der unermesslichen Sehnsucht einigen wollte, die das Heimweh einer Volksseele ist, einer armen, gepeinigten Volksseele, deren symbolische Verkörperung seit zweitausend Jahren der heimatlose Ahasver ist. Ach, es war eine melancholische Heiterkeit, die in jenen letzten Stunden unseres Zusammenseins, bevor er nach Edlach gebracht wurde, gespenstisch in seinen Worten, in seinem Lachen, in seinen Blicken zitterte. Eine Heiterkeit, die mit Bitternis gemischt war, weil sie über sich selbst hinaus halbbewusst schon das „Unbekannte" spürte, das fröstelnde Dunkel, in dem, wie im Nebel, das grosse Ziel seines Lebens und seiner Seele seinen Augen zu entschwinden begann. Er scherzte mit dem Eisbeutel auf dem kranken Herzen, er rief nach den Kindern und stellte sie mir der Reihe nach vor, mit einem Stolz, als zeigte er sein

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