Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Dr. Herzl und Sultan Abdul Hamid
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 507 - 508 (sequence 2)
- Language
- German
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Ö07 Professor Dr. H. Vambery: Dr. Herzl und Sultan Abdul Hamid. 508 über die Anschauungen des Sultans bezüglich der Juden erkundigen und einen Fühler ausstrecken, ob er nicht etwa geneigt wäre, einen Vertreter des Zionismus zu empfangen. Was das ersterc anbelangt, so hatte ich während meines langen und innigen Verkehrs mit dem jetzigen Herrscher des Osmanenreiches reichlich Gelegenheit, mich von seiner Wertschätzung der Juden zu überzeugen. Seitdem Sultan Suleiman die spanischen Juden aus den Krallen der Inquisition befreite, ist die Sympathie für dieses Volk in der Dynastie der Osmaniden traditionell geworden, und Sultan Abdul Hamid hat mir oft gesagt, dass seine jüdischen Unterthanen durch seltene Treue und Ergebenheit sich auszeichnen und dass es ihm stets eine Freude macht, wenn er dem einen und andern Jahudi ein hohes Amt gewähren kann. Ueber die philosemitischen Gesinnungen des Sultans hatte ich nie einen Zweifel, doch ob und wie weit er den Bestrebungen des Zionismus Vorschub leisten könnte und würde, das war eine Frage, mit der ich behutsam zu Werke gehen musste. Vor allem lag mir sehr viel daran, dass er Dr. Herzl öffentlich empfange, was wohl einen langen und harten Kampf gekostet. Sultan Abdul Hamid ist weit entfernt, jener blutdürstige Wüterich zu sein, für welchen er verschrien wird, im Gegenteil, er ist bekanntermassen ein Charmeur, und könnte er den Eingebungen eines Herzens folgen, so würde die Chronique scandaleuse von Pera wohl wenig zu verzeichnen haben. Doch seiner Umgebung und der mit derselben alliierten Diplomatie ist nicht so leicht beizukommen. Trotz meiner Vorsicht, Dr. Herzl als Redakteur der Neuen Freien Presse und nicht als Chef der Zionisten einzuführen, hatte eine gewisse Gesandtschaft sich schon gleich angelegen sein lassen, Tahsin Pascha (dem ersten Sekretär des Sultans) einen Floh ins Ohr zu setzen und auf die grosse Gefahr hinzudeuten, die aus einer Annäherung des Sultans an den unter religiöser Hülle versteckten Plan der Juden erwachsen könnte. Man malte dem Sultan das Verlangen der Zionisten in den schrecklichsten Farben aus, man wollte die Affäre damit diskreditieren, dass man Baron Hirsch, auf den man in der Türkei nicht gut zu reden ist, als den eigentlichen Leiter der Angelegenheit hinstellte — doch glücklicherweise scheiterten alle Anschläge an den gesunden Menschenverstand des Sultans. Es wurde beschlossen, Dr. Herzl zu empfangen, unter der Bedingung jedoch, dass ich sofort abreise, damit meine Anwesenheit während des Empfanges des Leiters der Zionisten nicht Stoff zu gewissen Kombinationen gebe. Ich reiste zurück nach Budapest, und vier Tage darauf war Dr. Herzl Gast des Sultans in Konstantinopel. Auf diesen Empfang war bald ein zweiter gefolgt, der Sultan hatte Dr. Herzl lieb gewonnen, sein gelassenes Reden, sein bescheidenes Auftreten und der Ernst seiner Aeusserlichkeit hatten ihm imponiert, er gab ihm den Grand cordon des Medschidie-Ordens und eine wertvolle Busennadel. Nach der äusseren Form des Umganges zu urteilen, hätte man wohl glauben können, dass der Leiter der Zionisten nahe ans Ziel gelangt und den rechtmässigen Herrn und Besitzer Palästinas für seinen Plan gewonnen habe. In der Wirklichkeit war dies noch lange nicht der Fall. Noch lange vor meinen ersten Versuchen hatte ich Dr. Herzl auf die grosse Schwierigkeit seines Vorhabens aufmerksam gemacht, und ich habe namentlich darauf hingewiesen, dass die Bildung eines jüdischen Staates in Palästina und die Kolonisierung dieser türkischen Provinz mit Juden, so wie die Verhältnisse heule stehen, zu den absoluten Unmöglichkeiten gehöre. Erstens wäre keine, wenn noch so grosse Summe Geldes hinreichend, den Sultan zur Abtretung von Palästina zu bewegen, weil diese Provinz, von Arabern und Christen bewohnt, heute nicht mehr zu vergeben ist, und was Jerusalem anbelangt, so ist dasselbe vor allem den Mohammedanern selbst ein grosses Heiligtum, wie der Name Kuds-i-Scherif das edle Heiligtum beweist, indem daselbst die hochgeehrte Moschee Mesdschidi-Aksa sich befindet. Ferner würden die abendländischen Mächte es schwerlich zugeben, dass die heilige Stadt des Christentums den Juden in die Hände falle, und schliesslich müsste der Sultan wohl selbst ein Bedenken haben, ein imperium in imperio zu gründen, denn das neue Zion sollte, wenngleich unter Schutz und Oberherrschaft des Sultans, doch Selbstverwaltung haben und nur nach aussen hin durch die Regierung des Sultans vertreten sein. Uebrigens meinte ich auch, dass die heute verschiedenen Nationen eingereihten, patriotisch gesinnten, an das europäische Klima gewöhnten und mit dem abendländischenLeben engstens verbundenen Juden sich schwerlich dazu hergeben werden, nach dem fremden Himmelsstrich Palästinas zu ziehen und in der Nachbarschaft räuberischer Beduinen und fanatischer Christen sich nieder-