Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Elias erweckt ein junges Mädchen [Illustration]
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 475 - 476 (sequence 1)
- Language
- German
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475 476 ELIAH, DER PROPHET. Eine Studie zur jüdischen Volks- Der Prophet von Gilead ist bis auf den heutigen Tag die beliebteste Gestalt der jüdischen Volkssage geblieben. Wohl keine andere Persönlichkeit der Vorzeit hat die Phantasie des jüdischen Volkes in gleichem Masse beschäftigt, ist mit dessen Gemüts- und Seelenleben so innig verwachsen, wie der stürmische und unerschrockene Thisbite, der schliesslich erfahren musste, dass Gott nicht im tobenden Orkan, noch im brausenden Sturme, noch im lodernden Feuer, sondern im sanften Hauche sich offenbart. Im Laufe der Jahrhunderte hat seine eherne Physiognomie alle strengen Züge verloren; mit mildem Antlitz, humorvoll und gütig lächelnden Augen wandelt er unter seinem Volke umher, ein Tröster in der Not, ein Freund der Kinder, der Armen und Bedrängten, ein Warner vor der Sünde, ein Fürsprecher vor Gott, ein Beschützer vor Satans Tücke. Demütig und bescheiden mischt er sich unter das Volk, manchmal tritt er den Mächtigen der Welt *) Stücke aus der jüdischen Eliah-Sage habe ich bereits in den Zeitschriften „Globus", „Wisla", „Antrop. Jahrb. d. Krak. Akad. d. Wissenschaften", „Am Urquell1*, „Zeitschrift für österr. Volkskunde", „Aus fremden Zungen" veröffentlicht. (Nachdruck veiboten.) und Sagenkunde.1) Von Bar-Ami. entgegen und spielt ihnen einen übermütigen Streich oder sagt ihnen eine herbe Wahrheit ins Gesicht . . . An der Hand der Eliah-Sagen liesse sich ein wichtiges Kapitel der jüdischen Volkspsychologie ergründen, denn in diese Sagen hat das jüdische Volk etwas von dem Besten, das in seiner Seele lebte, gelegt. Eine erschöpfende Monographie über Eiiah, den Propheten in der jüdischen Sage, müsste zunächst die zahlreichen im Thalmud und Midrasch über ihn aufbewahrten Legenden in den Kreis ihrer Darstellung ziehen. Das beabsichtigt jedoch die vorliegende Abhandlung nicht. Sie will nur aus der reichen Fülle der noch heute im Volksmunde lebenden, fast noch gar nicht schriftlich fixierten Sagen, die Eliah zum Helden haben, einige herausgreifen, um daran wenigstens in grossen Umrissen das Bild des Propheten nachzuzeichnen, wie es sich in der Seele des Volkes spiegelt. Nur ein Ausschnitt von dem farbenreichen, poesievollen Schieier, den die nimmer rastende, ewig schöpferische Volksphantasie um diese hehre Gestalt gewoben, soll hier ausgebreitet werden. Die aus dem älteren Sagenkreise stammenden Züge sollen hierbei