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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 435 - 436

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Unsere Lage
Date
1904-07-01
Page
Seite 435 - 436 (sequence 2)
Language
German
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435 Dr. S. Bernfeld: Unsere Lage. 436 fest, dass die grossen Zentren von Europa ebenfalls kleinere Teile der Emigration aufnehmen werden. In manchen Kreisen zeigt man sich über diesen Zuzug, der übrigens kaum Opfer an Hilfsmitteln in Anspruch nehmen dürfte, mehr oder weniger besorgt. Es kann nichts kleinlicher und engherziger sein als dies. Die Gerechtigkeit erheischt es, zuzugeben, dass auch in früheren Zeiten, als das Solidaritätsgefühl bei den Juden viel stärker war, anlässlich einer neuen Einwanderung sich eine gewisse Abneigung seitens der angesessenen jüdischen Bevölkerung gezeigt hat, eine Abneigung, die zumeist sehr hässlichen Gefühlen entsprungen war. Indes ging die Geschichte über solche Erscheinungen hinweg. Abgesehen vom materiellen Schaden, die solche Katastrophen über die gesamte Judenheit gebracht haben, zeigte sich dabei stets ein gewisser moralischer Nutzen. An anderer Stelle habe ich nachgewiesen, dass die Vertreibung der Juden aus den Ländern der Pyrenäenhalbinsel mit der Zerstörung des byzantinischen Reiches viele Aehnlichkeit-hatte; beide Ereignisse hatten zur Folge, dass eine in engen Kreisen eingeschlossene Kultur sich über andere Staaten und Länder ergoss und befruchtend wirkte. Auch die starke Einwanderung der osteuropäischen Juden nach den Ländern des Westens, die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ihren Anfang genommen hat, brachte den westeuropäischen Juden moralischen und kulturellen Nutzen; sie hat sehr viel zur Erhaltung und Fortentwickelung des Judentums im Westen beigetragen. Vor einiger Zeit habe ich in einer hebräischen Zeitschrift darauf hingewiesen, dass die Juden in jenen Ländern, die entweder gar keinen oder einen nur sehr schwachen Zuzug vom Osten erhalten, Gefahr laufen, ihr Judentum allmählich einzubüssen und vom Stamm abgesplittert zu werden. Ich verwies auf die Juden in den skandinavischen Ländern und zum Teil auch auf Italien, wo das Judentum rapid niedergeht. Gerade Italien mag uns als ein frappierendes Beispiel dafür dienen, wie engherzig und kleinlich die ewigen Klagen über die Einwanderung der osteuropäischen „Schnorrer" sind. Ehemals war Italien ein Zentrum jüdischen Lebens und jüdischer Kultur, wo jüdische Kunst und Wissenschaft in hoher Blüte standen. Gerade die italienische Judenheit bildete eine der erfreulichsten und wünschenswertesten Erscheinungen im Judentum. Selbst mitten im finsteren Mittelalter, ringsum von Aberglauben und Lebensfeindlichkeit, von religiöser Verdüsterung und Fanatismus umgeben, zeigten die italienischen Juden stets einen gewissen Frohsinn, eine gewisse Lebensfreudigkeit, die ihnen weder der Judenhass von aussen, noch die * Herrschsucht der Gemeindevorsteher von innen ganz austreiben konnten. Gelacht und gesungen wurde noch immer in den Ghetti von Italien, und das Judentum zeigte sich dort von der gefälligen und weltlich-frohen Seite. Was ist aber jetzt aus den ehemaligen Stätten jüdischen Geisteslebens geworden? Was bedeuten jetzt die Gemeinden von Rom, Livorno, Venedig, Padua usw.? Doch nur noch Ruinen alter, längst geschwundener Herrlichkeit. Hingegen begegnen wir in jüngeren Gemeinden, in London, Paris, Berlin etc. jüdischem Leben und jüdischer Wissenschaft, was nicht zum kleinsten Teil auf die Anregung und Mitarbeiterschaft der osteuropäischen Juden zurückzuführen ist. Erfreulicherweise ist man auch im Westen in vorurteilslosen Kreisen zu dieser Erkenntnis gelangt. Ich hatte die Genugtuung, dass das geistliche Oberhaupt der französischen Judenheit, Grossrabbiner Zadoc Kahn, diesem Gedanken in einem öffentlichen Vortrag Ausdruck gegeben hat. Man soll ja überhaupt nicht jeden Taler nachrechnen, den man gelegentlich zur Linderung der Not unserer Brüder gibt; aber in diesem Falle hat es sich wirklich sehr gut gelohnt. Ich möchte gewiss unsere westeuropäischen Stammesgenossen dadurch nicht beleidigen, wenn ich ihnen in Erinnerung bringe, dass sie in vielem den Brüdern im Osten Dank schulden. Es ist einmal eine feststehende Tatsache, dass sich im Osten die Kenntnis und die Pflege des Judentums besser erhalten hat als im Westen, wozu ja verschiedene Umstände beigetragen haben. An der Wiederbelebung des Judentums, an dem Aufbau der Wissenschaft des Judentums in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hatten die Juden in Deutschland, Galizien und Italien gleichmässigen und auch gleichwertigen Anteil. Neidlos und sich gegenseitig ergänzend arbeitete die wackere Schar jüdischer Wissenschaftler an diesem herrlichen Bau. Und merkwürdig, wie sich bei allen jüdisches Wesen mit heimatlicher Eigenart paarten. Neben Zunz, der in allen seinen Arbeiten nie die deutsche Gründlichkeit, meinetwegen manchmal auch die deutsche Pe-

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