Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Moses schlägt Wasser aus dem Felsen [Illustration]
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 349 - 350 (sequence 1)
- Language
- German
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MARIE DILLON. MOSES SCHLÄGT WASSER AUS DEM FELSEN. DAS WESTJUEDISCHE KULTURPROBLEM. Polemische Bemerkungen von Dr. Jeremias, Posen. Im Februarheft dieser Zeitschrift hat Mathias Acher eine Frage angeschnitten, die zu den ernsthaftesten und wichtigsten der jüdischen Renaissance gehört: das westjüdische Kulturproblem. Doch scheint er diesem Problem noch hilfloser gegenüberzustehen als die „westlichen Nationaljuden"; sonst hätte er der Leserwelt von „Ost und West" nicht in einem Aufsatz von 13 Spalten soviel „Alogisches" und Hypothetisches geboten und so wenig, was zur reellen Klärung des Problems beitragen könnte. Die Verlegenheit, in der sich A. gegenüber der erwähnten Frage befindet, äussert sich recht drastisch in verschiedenen Eigenheiten der Diktion. Bald hält er es für gut, gewagte Hypothesen oder vage Behauptungen in ein fast unentwirrbares Knäuel von Klauseln und Einschränkungen einzuhüllen, aus der man nur mit grösster Anstrengung den Kern herausschälen kann — man lese nur den Absatz über die Zukunft der Religionen: ein wahres Schaustück pilpulistischer Dialektik über eine Frage, in der wir ja doch nichts wissen, nichts auch nur mutmassen können! Bald sucht A., mit tönenden Reden über seine Ratlosigkeit hinwegzukommen. „Dass die Juden infolge der geschichtlichen Voraussetzungen auf gewissen Punkten der nationalen oder sozialen Wirtschaft dichter stehen als die Nichtjuden, und dass sich hieraus gewisse Intensitätseigentümlichkeiten für sie ergeben", oder „dass mehrere Wellen nationaler Energie, ein grösseres Quantum an Kenntnis der hebräischen Schriftsprache erzeugen, und dass dieses Quantum dann als Formenhülle westjüdischer Kultur fortlebe" — solche Sätze lehren den Leser nichts, als dass hinter so geschraubten Wendungen auch keine klaren Auffassungen stehen können. Noch viel weniger als die verklausulierte und die geschraubte Form der Diktion kann die apodiktische Art, mit der A. die schwierigsten Dinge aus der Welt schafft, über seine Verlegenheit hinwegtäuschen. Wie sicher und alle Zweifel ausschliessend klingt es, wTenn er so im Vorbeigehen fragt: „Und was ist denn Nationalität anderes als Kultur?" Anders Graetz, der in solchen Fragen doch wohl mindestens ebenso kompetent wie Acher ist! In jenem bedeutsamen Aufsatz „Die Verjüngung des jüdischen Stammes", den Zlocisti aus verstaubten Zeitungsbänden herausgeholt und uns in der Beleuchtung damaliger Zeitverhältnisseso glänzend demonstriert hat,*) wendet Graetz die schwere Frage betreffs der Vorraussetzungen einer berechtigten Nationalität nach allen Seiten: Rasse, Sprache, Bodenständigkeit, historische Gemeinsamkeit, Kulturbesitz und schliesst mit einem Ignorabimus, das den Grössen der Wissenschaft so wohl ansteht: „Das Grundwesen der Konstitutive bleibt ein Mysterium, das sich dem *) Jüd. Volkskalender 5664, Brünn.