Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Tatiana [Illustration]
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 341 - 342 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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SUENDE. Aus dem Leben eines kleinen Mädchens. Von Josefa Metz, Berlin. „Jis gadal wejiskaddasch"..... Wie eine Mauer standen sie; unten die Männer, Oben die Frauen. Eva war selbstredend mit aufgestanden, trotzdem sie das jedesmal als Gnade empfand, die sie den Toten erwies, sie selbst hatte noch keine zu beklagen. Nun war die Totenfeier vorüber und Fräulein Jetteben Gumpert, die gerade hinter Eva sass, trocknete sich die Augen, so dass es weithin nach Eau de Cologne roch, die sich die beiden alten Fräulein Gumpert immer zu den hohen Festtagen aufs Taschenluch gössen. Fräulein Jettchen weinte bei allen Gelegenheiten, die dazu angetan ^waren, wehmütige Gefühle auszulösen, ob es sich nun um eine ßarmizwah oder den Segen, den eine junge [Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes in der Synagoge erhielt, handelte, das blieb sich gleich. Die weihevolle Rührung, in die sie die Totenfeier versetzte, hielt sie jedoch nicht ab, gleich wieder von profanen Dingen zu reden. „Wenn's Hühnchen nur weich wird," meinte sie besorgt zu Frl. Johanne, während ihre Stimme noch in verhaltenem Schluchzen bebte. „Wozu is 's Mädchen denn da?" erwiderte Frl. Johanne etwas unwirsch. „Es is aber nich mehr ganz jung." „Ja, Du Schlemiehlte, was lass' ich mir auch 'n alt' Huhn aufschwatzen!" Eva drehte sich entrüstet um, aber da zog Mama sie am Aermel, gab ihr ein aufgeschlagenes Gebetbuch in die Hand und wies auf eine bestimmte Stelle, die sie beten sollte. Sie fing gehorsam an, aber es war recht langweilig, immer wieder dasselbe. Ihre Gedanken schweiften ab, und bald fingen auch ihre Augen an umherzuwandern. Sie blieben aut Frau Goldberg haften. MARIE DILLON. die mit dem Rücken ihr zugewandt stand und betete. Es imponierte ihr immer sehr, wenn die Frauen zum Gebet aufstanden, und sie hätte das auch für ihr Leben gern getan, wenn sie sich nicht geschämt hätte. Plötzlich bemerkte sie, wie unter Frau Goldbergs Taille ein graues Band zum Vorschein kam, und sie musste sich alle Mühe geben, nicht laut aufzulachen. „Da preist sie nun Gottes Allmacht und Herrlichkeit und weiss nicht, dass ihr hinten das eklige graue Band 'raushängt," dachte sie und stopfte sich das Taschentuch in den Mund. Dann sah sie schnell wieder in ihr Buch, um die bösen Gedanken durch Gebet zu sühnen. — — --„Der Du die Sonne leuchten lässest über uns" .... Ja, die Sonne leuchtete wirklich. Sie schien durch die bunten Fenster hindurch, tauchte den Altar in lichtes Grün, warf einen orangefarbenen Klex auf Dr. Hirschfelds Zylinder, goss eine Purpurflut über Mäxchen Heinemanns weissen Matrosenkragen und Hess den alten Rosenthai in einem Meer von Violet herumblättern. Eigentlich war es doch wunderhübsch da unten: Der rote Sammetvorhang, der den Schrank mit den Thorarollen bedeckte, die bunten Sonnenlichter, die Kerzenflämmchen. Sie musste immer an „Aladin und die Wunderlampe" denken, besonders wenn der geheimnisvolle Schrank unter Gesang geöffnet wurde und man in die Gold- und Silberpracht hineinblickte. Wie hatte sie Herrn Fränkel vorhin beneidet, der die Gesetzesrolle wieder einkleiden durfte. Wie ein kleines Kind hatte er sie erst gewickelt und ihr dann das kostbare Sammetmäntelchen und all die glitzernden Zierate umgehängt, T ATI ANA. und als ob sie ein ge-