Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Article
- Moses
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 227 - 228 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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227 228 MOSES. Vortiag von Achad-haam.*) Aus dem Wenn ich die Denker über den Einfluss philosophieren höre, den die „Helden" der Geschichte auf die Entwickelung des Lebens des Menschengeschlechtes ausüben, und wenn die einen sagen: „Die Helden, das sind die Schöpfer der Geschichte, und das Volk ist nur der Stoff für ihre Schöpfung," während die andern ausrufen: „Nein, nur das Volk ist die schaffende Kraft, und seine Helden sind bloss Erzeugnisse, die notwendig aus dem jeweiligen Stande eines jeden Geschlechtes erstehen müssen", — wenn ich diese Dispute höre, dann sage ich zu mir selber: Wie merkwürdig schliessen doch immer die Philosophen ihre Augen und wollen nicht sehen, was vor ihnen liegt, und suchen nach dem, was ihnen nahe liegt, auf ganz entlegenen Wegen. Und dabei ist doch die Sache so klar! Denn die wahren Helden der Geschichte, d. h. die, welche für Geschlechter zu wirkenden Kräften im Leben des Menschengeschlechts geworden sind, sind überhaupt gar nicht sinnlich erfassbare Geschöpfe, die irgend einmal existiert haben. Ein geschichtlicher Held ist nur der, dessen geistiges Bild* in der Phantasie des Volkes völlig anders eingezeichnet ist, als wie er eigentlich existiert hat, und dieses Phantasiebild, das sich das Volk nach seinen Bedürfnissen und Neigungen schafft, das, nur das gibt uns den geschichtlichen Helden — und seine Einwirkung und der Einfluss nehmen beständig zu, manchmal Jahrtausende lang — nicht das sinnlich erfassbare Original, das nur kurze Zeit existiert hat, und von dem das Volk gar nicht weiss, wie es war. Wenn ich andererseits die Gelehrten sehe, wie sie in dem Staub alter Bücher und Schriften sitzen, um aus ihrer Mitte die Helden der Geschichte in ihrer wahrhaften Gestalt ans'Licht zu bringen, und dabei glauben, dass sie ihr Augenlicht um der geschichtlichen Wahrheit willen vergeuden — dann sage ich zu mir selber: Wie merkwürdig überschätzen doch stets die Gelehrten den Wert ihrer Resultate und wollen diese einfache Tatsache nicht einsehen, dass eine archäologische Wahrheit noch lange keine geschichtliche zu sein braucht. Eine geschichtliche. Wahrheit ist nur die, die die Kräfte, die in der menschlichen Gesellschaft wirken, aufdeckt. Alles das, dessen Einwirkung im Leben sichtbar ist, wenn es selbst auch nur ein Phantasiebild sein sollte, das ist eine wirkliche geschichtliche -Wahrheit; alles dagegen,' dessen Einfluss in der Entwickelung des allgemeinen Lebens nicht bemerkbar ist, mag seine einstmalige körperliche Existenz auch über jeden Zweifel erhaben sein, ist nur eines von den Tausenden und Hunderttausenden, deren Existenz vom physischen Standpunkt aus sicherlich eine *) Im Auszug dem hauptsächlichsten Inhalt nach mitgeteilt im Haschiloach XI II, 2. Februar 1904. Hebräischen übersetzt von Gotthold Weil. Wahrheit ist, aber nur eine Wahrheit, die positiv oder negativ zu nichts nütze ist, und deshalb, historisch betrachtet, so aufzufassen ist, als hätte sie nie existiert. Goethes Werther z. B. war von Haus aus nur ein Phantasiebild, aber nachdem seine Einwirkung auf die damalige Generation so überaus gross war, dass viele Menschen sich selbst zu Grunde richteten, mit dem Moment existierte er wirklich, historisch betrachtet, viel mehr als irgend ein körperlich vorhanden gewesener Deutscher, der damals lebte, gestorben ist und wieder vergessen wurde, als ob er nie gewesen wäre. Deswegen kann ich mich nicht dafür begeistern, wenn die Gelehrten irgend eine neue „Wahrheit" in bezug auf einen bestimmten historischen Helden in ihrem Netze auffischen, wenn sie mit untrüglichen Beweisen dartun, dass dieser oder jener nationale Held, der im Herzen des Volkes lebt und auf seine geistige Entwickelung von Einfluss ist, nie und nimmer existiert hat, oder dass seine körperliche Existenz nicht im mindesten der gleicht, die der Phantasie des Volkes tief eingeprägt ist — nein, solchen Zufälligkeiten gegenüber sage ich mir immer selber: Das ist alles schön und gut, und in Zukunft mag diese „Wahrheit" auch einmal dazu führen, ein Kapitel oder einen Vers in den archäologischen Büchern zu tilgen oder zu ändern, aber die Geschichte wird ihren Helden darum doch nimmermehr tilgen oder ihr Verhältnis zu ihm ändern, denn die wahrhafte Geschichte beschäftigt sich nicht mit dem oder jenem toten Menschen, der nur den Gelehrten und nicht dem Volke bekannt ist, sie kennt nur den lebenden Helden, der in den Herzen eingegraben und zu einer wirkenden Kraft im Leben geworden ist. Dabei geht es sie nichts an, ob diese Kraft in irgend einer Zeit einmal ein lebender Mensch auf zwei Beinen gewesen ist, oder ob sie in ihrem Grunde nur ein Phantasiebild ist, das nur den Namen eines physischen Menschen trägt. Wie dem auch sein mag, allein ihm kommt wirklich Existenz zu, weil seine Einwirkung deutlich bemerkbar ist. Wenn ich daher in der Pessachnacht die Haggadah lese und der Geist Mosis, des Sohnes Amrams — dieses Helden der Helden, der wie eine Lichtsäule an der Schwelle unserer Geschichte steht —, vor mir schwebt und mich in die höchste Welt erhebt — in dieser Stunde denke ich gar nicht an all die Fragen und Zweifel, die die Gelehrten unter den Völkern uns darüber aufzählen: ob der Mensch Moses wirklich existiert hat, ob er in der Tat so gelebt und so gewirkt hat, wie es in unserer Nation überliefert wird, ob er wirklich der Heiland Israels war und die Thora in der Form gegeben hat, in der sie in unserer Hand ist, und ähnliche Fragen mehr —, sondern ich tue bei mir all dies durch folgende kurze und bündige Antwort auf einmal ab: Dieser Moses, dieser Mensch,