Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 4 (April 1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Herausgegeben ui nter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten un von LEO WINZ. d Schriftstellern Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 4 April 1904 IV. Jahrg. DIE SITUATION IM ZIONISMUS. Ein Wort zur Verständigung von Elias Auerbach. Mit Erstaunen und Ehrfurcht wird der Geschichtsschreiber des Judentums der machtvollen Einigungsbewegung gedenken, die am Ende des 19. Jahrhunderts das jüdische Volk zu einer letzten grossen Kraftanstrengung zusammengerafft hat. Es gilt die alte Heimat. Wo sind alle die Gegensätze geblieben, die unser Volk zersplitterten, mehr als irgend ein anderes? Wir dachten im ersten Schwünge der Begeisterung, der Gedanke der gemeinsamen Zukunft habe alle Berge geebnet und alle Täler erhöht, und wir seien nur noch ein Volk und ein Wunsch. Und unsere Gegner weissagten, dass wir uns verbluten würden im inneren Kampf, denn es gäbe keine Macht auf Erden, welche die Gegensätze aussöhnen und die auseinanderstrebenden Kräfte in eine Bahn lenken könnte. Beide haben Recht, wir und die andern. Der Gedanke, dass unsere Arbeit vollbracht werden muss, dass es nur einen Weg in eine glückliche Zukunft für unser Volk gibt, hat mächtig alles niedergehalten, was die notwendige Einheit gefährdete, und er wird es auch weiter tun. Wir sind nicht ängstlich. Wer ehrlich die nationale Zukunft des Judentums will, wird sich mit dem, der ehrlich dasselbe will, auch weiterhin verständigen können. Die Gegensätze sind darum nicht verschwunden. Ein aufmerksamer Beobachter, der sich einen freien Blick bewahrt hat, wird auch im Zionismus alle die geschiedenen Gruppen wiederfinden, die das Judentum im ganzen zeigt. Altfrömmigkeit und Aufklärung, bequemer Liberalismus und stürmischer Sozialismus, Wohltätigkeitsdünkel und falscher Elendsstolz, zähe Rückständigkeit und rücksichtsloser Fortschritt, und endlich Judentum des östlichen und des westlichen Milieus — alle diese Gegensätze sind nicht tot, sie haben nur vor dem ersten Donner der nationalen Botschaft geschwiegen, und langsam kommen sie wieder zum Vorschein, um auf den Zionismus einzuwirken. Diese Unterschiede sollten wir nicht leugnen und nicht verwünschen, sondern verstehen und ausgleichen. Aber nicht in ihnen liegt die Gefahr. Die Vernunft der Masse und ihr Trieb zum Leben ist gesund genug, um diese Streitfragen zurückzustellen, solange es nötig ist. Der Zionismus selbst hat in seinem eigenen Gebiete Fragen aufgerollt, die seit dem ersten Kongress Reibungsflächen genug gaben. Und seit dem sechsten Kongress scheint alles, was an Meinungsverschiedenheit und verhaltener Spannung je in der zionistischen Bewegung bestanden hat, losgelassen. Die Situation scheint fast eine chaotische zu sein. Wer sich jetzt zurechtfinden will, wird mehr als je gut daran tun, alles Kleinliche hinter sich zu lassen und mit schnurgeradem