Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika [Kommentar]
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 215 - 216 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583922-2589909--03798-2589982- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2,15 Revae der Presse. 216 Atlantischen Oceans beginnt aber erst mit dem Anfange der SO er Jahre des 19. Jahrhunderts. Nach kaum 8 Jahren war die dortige jüdische Bevölkerung schon ca. 400000 Seelen stark. Die jährliche Einwanderung betrug für diese Zeit im Durchschnitt ca. 21000 Seelen gegen nur 6000 jährlich in den vorhergegangenen 30 Jahren. Die Bedrückung der Juden in Rumänien, die systematische Boykottierung derselben durch die polnische Schlachta in Galizien vergrösserte die jüdische Bevölkerung Nordamerikas auf 937800 Seelen im Jahre 1897. »Sie hatte sich also in kaum 10 Jahren mehr als verdoppelt, und die durchschnittliche jährliche Einwanderung ist von 21000 auf 55000 gestiegen. In den Jahren von 1881—1903 sind allein über die Eingangspforten Newyork, Philadelphia und Baltimore schätzungsweise 761596 Juden eingewandert. Rechnet man die natürliche Vermehrung dieser neuen Einwanderer und fügt die Vermehrung der vor 1881 in den Vereinigten Staaten ansässig gewesenen 230000 Juden hinzu, so lässt sich für die Gegenwart eine jüdische Bevölkerung von 1 146 547 berechnen, eine Zahl, welche mit der vom „Jewish Year Book" gegebenen Zusammenstellung über die Zahl der Juden in den einzelnen Staaten der Republik auffallende Aehnlichkeit hat. Nach dieser Zusammenstellung leben in den Vereinigten 53 Staaten und Territorien 1271268 Juden, von denen über 72°/0 in 26 Staaten östlich des Mississipi wohnen. Trotzdem man demnach von einer Konzentration der Juden auch in ihrer neuen Heimat mit Fug und Recht sprechen kann, muss doch hervorgehoben werden, dass auch das flache Land und selbst der berüchtigte „far West", darunter Staaten wie Washington, Montana, Utah und Texas, ja sogar Neumexiko und Arizona zum Teil eine zahlreiche jüdische Bevölkerung aufweisen. Weniger als 1000 Juden finden wir nur in 4 Staaten, nämlich in Delaware, Idaho, Newada und Vermont mit zusammen 2225 jüdischen Einwohnern. Weitere 17 Staaten weisen 1—5000 Juden auf. So wohnen in Arizona 2000, Montana 2500, Washington am äussersten Nordwesten der Republik 2800 und in Florida 3000 Juden. Die Staaten Jowa, Maine und Utah weisen je 5000 Juden auf. In Connecticut und Oregon leben je 5500, in Colorado 5300, in Nord-Carolina 6000, Alabama 7000, Michigan 9000 und in Minesota und Tenesse je 10000 Juden. Fast ebensoviele Juden wie die erwähnten 33 Staaten weisen die folgenden 9 Staaten mit einer jüdischen Bevölkerung von 11—25000 Juden auf. So beherbergen Kentucky und Louisiana je 12000, Texas, Virginia und Visconsin je 16000, Indiana undNeu-jersey je 25 000 Juden. Endlich zählt Maiyland 26000, Kalifornien 28 000 und Missouri (St. Louis!) gar 50000 Juden. Sehr zahlreich sind die Juden in Massachusets, wo sie 60000, Illinois, wo sie 75000, und Pensylvanien, wo sie 95000 Seelen zählen und die grossen Ghetti von Cincinnati, Chicago und Philadelphia bilden. Diese Ghetti reichen aber bei weitem nicht an das gewaltige Judenviertel von New-York heran, das mit seinen 500000 jüdischen Bewohnern das grösste jüdische Gemeinwesen aller Zeiten und Länder darstellt. Dabei muss bemerkt werden, dass die Zahl 500000 noch die niedrigste Schätzung darstellt, und die jüdische Bevölkerung allein von Gross-New-York, ungerechnet die des flachen Landes, und die in den Städten dieses Staates, in Wirklichkeit sich auf 650 000 belaufen dürfte. Ein so grosses jüdisches Gemeinwesen, das unter anderen Umständen ein bedeutendes jüdisches Kulturzentrum und ein Segen für die jüdische Gesamtheit sein würde, bildet in einem christlichen Staate am Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gefahr. Die weitere Vergrösserung dieses Ghettos wird unvermeidlich zu einer Erschwerung der jüdischen Einwanderung in die Vereinigten Staaten führen, wodurch den jüdischen Emigranten, welche alljährlich in einer Anzahl von 100000 Seelen die Heimat verlassen müssen, noch die letzte Zufluchtstätte geraubt werden dürfte. Ihrer Abstammung nach sind die Juden New-Yorks zu 50% aus Russland, 25% aus Galizien, 18% aus Rumänien und etwa 7% aus den übrigen Teilen der Habsburger Monarchie. (Nach der Jüd. Presse No. 5, 1904.) Auf die Vorstellung des Redakteurs Klausner hat der Reichsstaatssekretär des Innern Graf Posadowsky dem jüdischen Lehrerseminar in Berlin die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährig-freiwilligen Militärdienst zuerkannt. Diese Entscheidung wird demnächst im Zentralblatt für das Deutsche Reich veröffentlicht werden. * * Ein gutes Synagogengesetz muss die Taufe befördern, so denkt in Sachsen der Gemeindekirchenrat Pank. Die Erste Kammer beschäftigt sich neuerdings mit Beratung der Gesetze über die jüdischen Religionsgemeinden. Nach einer Darlegung des Gemeindekirchenrats Dr. Pank wird das Gesetz folgende Konsequenzen haben: 1. Bisher konnte unter den mangelnden gesetzlichen Bestimmungen ein Jude auch unter 21 Jahren in die christlichen Konfessionen aufgenommen werden. Das sei in Zukunft ausgeschlossen. 2. Während bisher der zum Christentum übertretende Jude sich nur beim christlichen Pfarrer zu melden brauchte, so hätte er in Zukunft seinen Religionsbeamten aufzusuchen und ihm seinen Abfall vom Judentum anzuzeigen. 3. Konnte bisher eine jüdische Witwe, welche Christin ward, ihre Kinder ohne weiteres zum Christentum hinübernehmen, so wird ihr dies fortan verwehrt sein, wenn nicht der verstorbene Vater ausdrückliche Bestimmungen in dieser Richtung getroffen hat. Auf den Antrag des eben genannten Mitgliedes der Ersten Kammer wurde der Gesetzentwurf zu nochmaliger Beratung an die Deputation zurückverwiesen. (Jüdische Rundschau No. 9, 1904.) Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3,50 (Luxusausgrabe Mark 7,—), für das Ausland Mark 4,— Luxusausgabe Mark 8,—). für Russland ganzjährlich 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. ______, Zu "beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen____ _ _ . „ Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. ' Anzeigen 50 Pfennig die vier gespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesuche und -Angebote zum halben Preise» Adresse für die gesamte Korrespondenz: LEO WINZ, Berlin NW. 23, Altonaerstr. 36. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von Pass & Garleb, Berlin W. 35.