Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Palästinabeschreibungen [Rezension]
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 211 - 212 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarisches, Aphorismen. 212' soll es den Leidenden unseres Volkes einmal ein Heim geben, unter der nationalen Verantwortlichkeit und Zusammenarbeit Ganz-Israels, unter der Garantie der beteiligten Mächte im hellen Lichte des Tages erwachsen müsse. Im Zeichen der zionistischen Ideale erschien dann die Zeitschrift „Palästina" für die wirtschaftliche und kulturelle Hebung des Landes, und als ihre Ablösung und Fortsetzung „Altneuland", von Dr. Soskin, Prof. Dr. Warburg und Dr. F. Oppenheimer in strenger Fachwissenschaftlichkeit geleitet. Eine mehr künstlerische Ergänzung wird das demnächst im Verlage von Bruno Cassirer erscheinende Werk bieten — das Ergebnis einer Reise von Dr. Adolf Friedemann und dem Maler Hermann Struck. Das etwa zehn Bogen starke Werk wird in der gleichen vornehmen Ausstattung herauskommen wie die bekannte Reisebeschreibung von Josef Israels, „Spanien". Als Bildschmuck der Märznummer können wir mit Erlaubnis des Verlages drei Reproduktionen nach Originalradierungen von Hermann Struck veröffentlichen. — Wir behalten es uns vor, in einem späteren Hefte auf diese moderne Palästinaschilderung zurückzukommen, die hoffentlich dazu auch an ihrem Teile beitragen wird, für Zion in den Juden, und damit auch für Juden in Zion eine neue Heimat zu schaffen. * * * Der Heroismus der Verteidiger jedes anderen Glaubens schrumpft zur Bedeutungslosigkeit zusammen vor dem Märtyrervolk, das dreizehn Jahrhunderte hindurch alle Qualen, welche der wildeste Fanatismus hat ersinnen können, und die fürchterlichsten Leiden lieber ertragen hat, als seinen Glauben aufzugeben. Denn die Juden waren nicht asketische, für alle Hoffnungen und Leidenschaften abgestorbene Mönche, sondern Menschen, welche die weltlichen Güter, die sie aufgeben mussten, sehr wohl zu schätzen wussten. * * * Zu höchster Blüte schwang sich der Genius dieses wunderbaren Volkes empor, während die Völker ringsherum in Finsternis und blöder Unwissenheit dahinkrochen; während Jongleurwunder und falsche Reliquien die Themata waren, über die fast das ganze Europa sich unterhielt und der Intellekt der Christenheit, in Bann gehalten durch Aberglauben in unzähligen Formen und Gestalten, in eine Art von Todesstarre getreten war, in welcher jeder Forschereifer, jedes Suchen nach Wahrheit aufgehört hatten, verfolgten die Juden die Pfade der Wissenschaft, sammelten sie Kenntnisse und spornten sie den Fortschritt mit derselben unbeugsamen Zähigkeit an, welche sie in ihrem Glauben entialtet hatten. Sie waren die geschicktesten Aerzte, die fähigsten Finanziers und die tiefsten Denker, während sie in der Pflege der Naturwissenschaften nur den Mauren nachstanden. Sie waren die Hauptinterpreten arabischer Gelehrsamkeit für Westeuropa. Lecky. * * * Schon die Antike — z. B. wenn Lykurg- Gesetze gab in der Gewissheit, dass „in blühender Frauen Schoss eines Volkes Stärke liegt", und man demgemäss in Sparta die physische Ausbildung des Weibes überwachte wie des Mannes und das Heiratsalter mit Rücksicht auf eine kräftige Nachkommenschaft bestimmte — stand höher als die Gegenwart. Noch höher stand das Judentum in bezug auf die Auffassung von dem Ernst der Zeugung, eine Auffassung, die sich in der strengsten Gesundheitsgesetzgebung ausdrückt, die die Geschichte kennt. Die jüdische sowie andere morgenländische Gesetzgebungen ruhten in bezug auf die Geschlechtsmoral,, sowie in bezug auf die Diät auf scharfsinnigen Beobachtungen der Naturgesetze und der Krankheiten. Und ehe nicht die Menschen anfangen, mit alttestamentarischer Schlichtheit und alttestamentarischem Ernst die Lebensfragen zu behandeln, die der Idealismus des Christentums zwar vergeistigt, aber gleichzeitig erniedrigt hat, kann nicht der Grund zu einer neuen Ethik in diesen Fragen gelegt werden. Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes (S. 12). # * * Wer will es leugnen, dass es sterbliche und unsterbliche Völker gibt? Selbst Nationalitäten mit ausgeprägt individuellem Charakter haben., durch die gewaltigen und nachhaltigen Schläge geschichtlicher Ereignisse geschwächt, sich ins Grab legen müssen oder sind als Atome in andere Volksorganismen übergegangen. Von der so kräftigen, so reich begabten weltherrschenden altlateinischen und hellenischen Rasse sind jetzt kaum noch mikroskopische Spuren vorhanden,. Unsterblich in wahrem Sinne — nicht bloss durch Taten und Gedanken, die ein Geschlecht dem andern verkündet — sind Völker, welche den chemischen Zersetzungen der Geschichte trotzen, den Katastrophen nicht erliegen, die Elastizität haben, sich beim Drucke zusammenzuziehen, um dann wieder emporzuschnellen. Die erste Probe, die eine Nationalität für ihre Dauerhaftigkeit und