Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Antokolski auf dem Totenbette [Illustration]
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 161 - 162 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- illustration document
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583922-2589881--03718-2589955- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
161 162 ELIAS GÜNZBURG. ANTOKOLSKI AUF DEM TOTENBETTE. ELIAS JACOWLEWITSCH GUENZBURO. Von Lothar Brieg Jüdische Kunst! Das Dornröschen hat lange geschlafen, nachdem es die böse Hexe Exil in den Zauberschlaf künstlerischer Agonie versenkte. Jetzt ist die Zeit des Erwachens gekommen. Noch staunt die Schöne etwas und reibt sich versonnen den Schlaf aus den dunklen Orientalenaugen. Aber uns dünkt, als sei auch der Tag nicht allzu fern, da neues Leben ihren Gazellenkörper durchdringt und sie hellschütternd, helllachend emporspringt. Denn wir Juden sind geborene Künstler, mögen auch Chamberlain und Driesmans dagegen sagen, was ihnen einfällt. Wir besitzen als Volktümlichkeit die tiefe Gabe unersättlicher Phantasie, die allein den Künstler ausmacht. Seitdem Moses im Aegypterlande der Gedanke des Gottesstaates auftauchte bis zum Tage, da Lesser Ury seine schönste Landschaft malte, sind wir Märtyrer der Phantasie gewesen, jener Phantasie, die am Rande der Wirklichkeit dämmernde Märchenreiche voll süssen Wohllautes träumt, die all unser Schaffen schön macht und unserem Leben das Gepräge grosser Linien verleiht. Die Zeiten könnten Torüber sein, da man dem Juden, dem duldendsten er-Wasservogel. aller Gottesträumer vorwari, er habe keinen Sinn für die Kunst, sondern sein Streben ginge nur nach dem Rohen der Materie! Und alle jene, die bei dem Gedanken an eine jüdische Kunst lächeln, möchte ich in die Bibliothek einer alten, noch wirklich nationalen jüdischen Gemeinde führen und ihnen die dort aufbewahrten geschriebenen Bücher weisen. Ich glaube, das Lächeln müsste ihnen vergehen, und sie würden ernst, sehr ernst werden. Denn in diesen geschriebenen Büchern, von denen ganz unverzeihlicherweise wir westeuropäischen Juden so gut wie gar nichts wissen, steckt unsere uralte, höchste Kunst gewordene Kultur. Welch künstlerischer Sinn in der Einteilung der Seite, wie sind die Kolumnen angeordnet, und welche Einheit bilden sie mit dem Illustrativen! Ich halte daneben ein Buch von Walter Crane. Und es ist ein von keiner Rassenvoreingenommenheit beeinflusstes, sondern ein objektives künstlerisches Urteil, wenn mir Walter Crane ungeschickt und grob erscheint neben einer schönen alten jüdischen Haggada. Man wird mir freilich einwerfen, dass all dieses keine Kunst grossen Stiles sei. Das ist ein über-