Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Das jüdische Volkslied
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 151 - 152 (sequence 2)
- Language
- German
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ir>i Bar-Ami: Das jüdische Volkslied. 152 also des Volksliedes, der Volksmusik, der Volkssage, des Sprichwortes, des Volksglaubens, des Volksbrauchs — mit eine der ersten und wichtigsten Aufgaben jüdischer Wissenschaft sein sollen? Wer mag wissen, wie viele «dieser kostbaren Dokumente des volkstümlichen Seelenlebens in den Stürmen der letzten Jahrzehnte, die unzählige Glieder des jüdischen Volkes aus ihren uralten Stammsitzen gerissen und über den ganzen Erdball verstreut haben, unwiederbringlich verloren gegangen sind, während andererseits das Eindringen der europäischen Kultur, der modernen Bildung, der Sprachkenntnis und einer Menge Begriffe und Vorstellungen so manches von den Alten für immer in den Strom der Vergessenheit hinabgesenkt hat. Zwei Utastande haben diese bedauerliche Vernachlässigung bewirkt. Zuerst die einseitige philologische Fassung des Begriffes der jüdischen Wissenschaft. Da diese im wesentlichen historische Wissenschaft ist und ihre herrlichsten Triumphe in der Erforschung läfagst verschollenen, aber für uns nicht minder wichtifeön und teueren Lebens gefeiert hat, so richtete sich ihr Ölick allmählich starr nach rückwärts, und sie übersäh* dass ringsum noch so manches Stück blühender, grütiter Weide prangend dalag. Nur was auf alten, vergilbten Pergamenten im Dämmer staubiger Bibliotheken terborgen ruhte, war wert, hervorgeholt, mühselig entziffert und gezwungen zu werden, Zeugnis abzulegen für das, was einst gewesen. Nachdem die grossön> bahnbrechenden Forscher die wichtigsten und grundlegenden Denkmäler ans Licht gezogen und ergründet hatten, rückten die Nachzügler heran, jeier voll beladen mit welken Blättern, die um so kostbarer waren, je wurmstichiger und verwitterter sie aussahen, breiteten ihre Funde vor uns aus, Hessen die gedankenvollen K^pfe hangen und brüteten tiefsinnig über jedes von den Mötten weggefressene oder von dem berühmten Zäfaü der Zeit zernagte Tüpfelchen auf dem i. Mochte das> was .jene Zeugnisse stammelnd verrieten, noch so unwichtig und belanglos sein — es gehörte zur Wissenschaft und war geweiht. Diese „Andacht zum Kleinen", die unzweifelhaft einem hohen wissenschaftlichen Pflichtbewusstsein entspringt, lässt nur allzuhäufig das Grosse und das Ganze, vor allem aber das — Lebendige übersehen. Man vergisst, dass, wenn es die Aufgabe der Wissenschaft ist, uns das Wissenswerte zu übermitteln, manch ein schlichtes Volkslied, von einem Kinde gesungen, manch eine Sage oder ein Märchen, von einer zahnlosen alten Frau erzählt, tausendmal mehr wert ist, als sämtliche Geistesprodukte eines mittelmässigen Pajtans, dass es für uns wichtiger ist, zu wissen, wie die Welt sich in der Seele von Millionen lebender und leidender Menschen spiegelt, als zu erfahren, wie irgend ein obskurer mittelalterlicher Homiletiker diesen oder jenen Bibelvers missverstanden hat, dass ein wohlbeobachteter und gewissenhaft beschriebener Volksbrauch oder eine Volksvorstellung uns ein wichtigeres Stück Kulturgeschichte enthüllen kann, als die Inschriften von hundert Leichensteinen. Es bildete sich derart ein Aristokratismus des Pergaments heraus, der geringschätzig auf alles herabblickte, das nicht in altersgrauen, moderduftenden Akten wohlverwahrt lag. . Quod non est in actis, non est in mundo. „Ein Autor, der noch keine fünfhundert Jahre alt ist, interessiert mich nicht," sagte mir einmal ein übrigens hochverdienter und sehr bedeutender jüdischer Gelehrter. Man denke sich, eioer unserer Forscher hätte in der Genisah zu Kairo oder in der Bodleyana zu Oxford Fragmente von Smolenskis Roman „Irrwege des Lebens", oder von Gordons „In des Meeres Tiefen", oder auch nur Bruchstücke von folgenden kleinen Volksliedern entdeckt: Tränen strömen durch die Gassen, Mit Kinderblut kann man sich waschen. Welch ein Jammer, welch eine Klag! Wird's denn niemals werden Tag? Oder: Mütterchen, Herz, die du mir so teuer. Sei doch ein Weilchen nur still! Dämpf doch in mir das höllische Feuer, Und gib mir doch den, den ich will. Oder: Nach dem Meere eilt ein Quell, Den Quell kann kein Mensch erjagen, — Mich treibt die Sehnsucht von dannen. Ich vermag's nicht länger zu tragen. Ich wollt*, ich wär' ein Vöglein im Walde, Zu dir wär' ich dann hingeflogen, Ich hätte in dein Antlitz geblickt Mit meinen bekümmerten Augen. Man denke sich, das eine oder das andere dieser Dinge stünde mit unleserlicher Schrift auf einem verblichenen Pergament — welch ein Fund für die Wissenschaft! So mancher Forscher gürtete seine Lenden und wanderte andachtsvoll nach dem Fundort, ein Streit würde entbrennen, ob's , aus dem. 13., dem 14. oder gar dem 15. Jahrhundert stamme, ob's in Nordfrankreich, Süditalien, dem Orient oder in Marokko entstanden, Hypothesen über den Namen und den Vater des Verfassers würden aufwirbeln und eine die andere widerlegen; ein strebsamer Jünger würde sich an das Zählen der Versfüsse machen und die Ergebnisse seiner gelehrten Untersuchungen in einer gründlichen Doktordissertation niederlegen und schliesslich Professor werden. Da aber diese Dinge entweder von gemeinen, ganz und gar noch nicht fossilen Sterblichen irgendwo in Gali.zien oder Litauen vor unseren Augen geschrieben, andererseits von ganz ungelehrten Weibern und jungen Menschen gesungen werden, so darf man sie getrost den Gelehrten, die nach fünfhundert Jahren kommen werden, überlassen und einstweilen lieber die Welt mit Pergamenten überfluten, an denen in neun von zehn Fällen Wissenschaft und Leben nichts verlieren würden, wenn sie ruhig weiter im Schatten der Bibliotheken modern würden.