Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1904-03-01 · Heft 3 (März 1904) · p. None

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 3 (März 1904)
Date
1904-03-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2583918-2583922--03701-2589947
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

•s, Usisa&e ST ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT^^ FÜR MOOERNES JUDENTUM. Herausgegeben unter Mitwirkung von Künstlern, Gelehrten und Schriftstellern von LEO WINZ. Bezugs- und Insertions-Bedingungen auf der letzten Textseite. Alle Rechte vorbehalten. Heft 3 März 1904 IV. Jahrg. TROESTUNGEN. Von Dr. Theodor Zlocisti, Berlin. Im Haushalt des nationalen Lebens hat auch der Trost seine Aufgabe. Er ist ein Kraftquell der die ermattende Volksseele über Not und Tod hinüberhebt, indem er beruhigt und zugleich aufpeitscht; die niederreissende Verzweiflung auffängt und auch aus ihr gebundene Kräfte freimacht. Vielleicht liegt das tiefe Geheimnis der Erhaltung unseres Volkstums bei all den verheerenden Stürmen der Jahrtausende in unserer „Trostbarkeit" eingebettet. Es bestand eine eigene Proportionalität zwischen Unglück und Trost. Je grösser und niederschmetternder das Unglück, um so grösser und sicherer aufrichtend der Trost. Der Volksorganismüs hatte die starke Fähigkeit gegenüber den eindringenden Schädlichkeiten und durch sie selbst abwehrende „Gegenkörper" zu bilden. Und was diesem Volksorganismus Struktur und Gepräge gab, war der einzigartige realistische Optimismus — in ein Wort verdichtet: Garn su l'thauwoh. — Und Tröstung und Trostbarkeit sind nur die aktiven und passiven Formen, in denen unser realistischer Optimismus seine volksdurchsetzenden Tendenzen offenbarte. Gewiss erschien bei uns Juden allerorten und aller Zeiten jeder Trost als Ausfluss unserer nationalreligiösen Ueberzeugung von der Gerechtigkeit der Weltregierung. Und die Theologen verstanden es, die Tatsachen immer so zu wenden, als ob unser Lebensdrang, unser realistischer Optimismus, unsere Kraft der Tröstung erst aus unserem Gottvertrauen, aus unserer Weltanschauung flösse. Das ist freilich Konstruktion, die aus begreiflichen Gründen versucht wurde — schon vor vielen tausend Jahren. Allein der seelische Habitus unseres Volkes mit seinem Optimismus war das Primäre, und erst auf seinem Grunde ist unsere jüdische Weltanschauung, unser Gottesgedanke gewachsen (wenn auch gewisslich diese Weltanschauung rückwirkend den Volksorganismus beeinflusst hat). Und dass diese Weltanschauung erst das Produkt unserer Rassengemeinschaft war, zeigte sich auch an der Unmöglichkeit, sie auf andere Volkschaften zu übertragen. Unser Gottvertrauen, das der Ausdruck der Lebensfreudigkeit unserer Rasse war, wird Lebensverneinung und Askese bei den „Anderen". Unsere Ergebenheit in Gottes Willen, die spornt und zum Schaffen zwingt, wird dort schlaffer Fatalismus und hat den arischen Völkern, den „christlichen Nationen" jenen verhängnisvollen Dualismus zwischen Leben und Lehre gebracht, von dem die bluttriefende Geschichte der christlichen Kirche entsetzliche Kunde gibt. Und es ist nur geradlinige Konsequenz: sie trösteten sich mit der Unsterblichkeit — vertrösteten sich aufs Jenseit. Unser Trost war die Erde, das Leben — und darum brauchten wir den Jenseitsgedanken in unserer Weltanschauung kaum anzudeuten (und es ist Feigheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.