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Ost und West · 1904-01-01 · Heft 1 (Januar 1904) · p. Seite 69 - 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 1 (Januar 1904)
Article
Die Rückkehr aus Jerusalem
Date
1904-01-01
Page
Seite 69 - 70 (sequence 2)
Language
German
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69 X. Y. Z.: „Die Rückkehr aus Jerusalem." 70 lässt, um einen Christen zu heiraten, und einer Rückkehr aus Jerusalem geben? Aber hier eben erst beginnt die Sache vom literarischen Standpunkt interessant zu werden. Die französischen Pornographen von der Sorte Donnays schimpft man auch zuweilen Naturalisten oder Veristen, weil sie angeblich nur die Wirklichkeit schildern, die sie strenge beobachten und wahrheitsgetreu auf die Bühne bringen. Das scheint sich jedoch nur auf die Wirklichkeit der Chambres separees und der halbweltlichen Boudoirs zu beziehen. Darüber hinaus lässt beispielsweiseDonnay seiner „schöpferischen" Phantasie vollkommen unbehiodert die Zügel schiessen und bringt Gestalten hervor, die in beziig auf die Wahrheitstreue an geflügelte Drachen, dreiköpfige Kälber und zweischwänzige Löwen erinnern. Seine getaufte Jüdin, die keinen höheren Ehrgeiz kennt, als Gräfin zu werden, zu diesem Zweck den Glauben der Väter yerlässt und einem erbärmlich unbedeutenden Menschen die Hand zum ewigen Bunde reicht, eben diese Frau versteht nicht nur vorzüglich Hebräisch, sondern ihr Liebliugsdichter ist Jehuda Halevy, sie erteilt sogar ihrem Buhlen hebräischen Unterricht und liest mit ihm die Zioniden des grossen Kastiliers. Wir wissen ja ganz genau, dass die jüdischen Millionärstöchter in Paris Lawntennis und Pingpong arg vernachlässigen, um gründlich Hebräisch zu studieren, und von Jehuda Halevys Gedichten trennen sie. sich selbst in Ostende und Biarritz nicht. Donnays Jüdin heisst von Hause aus Judith — bekanntlich der beliebteste Frauenname in den Kreisen der jüdischen Hochfinanz aller europäischen Weltstädte —, und nuch nach der Taufe zieht sie diesen Namen dem christlichen Henriette vor. Judiths philosophisches Orakel ist natürlich kein andrer als Spinoza, den sie tagelang liest — Judith schwört im Herzen — just wann sie von der Trauung in der Madeleine- Kirche kommt! —, ihre jüdischen Gefühle zu pflegen und ihr ganzes Leben ihrer Rasse zu widmen. Sie unternimmt eine Reise — nicht an die Riviera, sondern nach — Jerusalem, was bekanntlich jede, an einen gräflichen Offizier verheiratete jüdische Millionärstochter mindestens einmal im Leben zu tun pflegt — schluchzt an der Klagemauer zusammen mit ärmlichen polnischen Juden und befestigt sich dadurch nur noch mehr in ihrem jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühl . . . Welch eine herrliche Bankierstochter! Ein Denkmal müsste man ihr errichten, Hymnen zu ihren Ehren singen, ein Zeitalter nach ihr benennen . . . Ach, leider wandeln solche Bankierstöchter auf unserer niederen Erde nicht, nur Mauiice Donnay allein hat sie in seiner erhabenen Phantasie geschaut . . . Und dieser Ausbund von einer Bankierstochter lässt sich in den Schoss der Kirche aufnehmen, um Gräfin zu werden! Sie beginnt natürlich damit, ihren angetrauten Gatten zu betrügen — eine echte Jüngerin Spinozas, nicht wahr? Doch das ist nicht die Tragödie, nicht in dem Sprengen des Ehebundes prallen der edle arische und der inferiore semitische Rasseninstinkt aufeinander. Den Gatten betrügen, das tut ja die erste beste Französin in Donnaj^s Stücken auch. Hier entlädt sich der gerechte Zorn des Himmels auf Judiths Buhlen, den „Philosophen" Michel, den die Semitin umgarnt und verführt, so dass er ihr zuliebe seine edle, aus lauter Gefühl und Gemüt zusammengesetzte Gemahlin mitsamt seinen zwei Kindern verlässt. Im Verlauf des unheiligen Zusammenlebens mit Gräfin Judith wird er erst so recht inne, wie kalt und seelenlos, wie selbstsüchtig, verräterisch und tückisch diese semitischen Hirnmenschen sind, denen der Seele bestes Teil, „det Jefühl" würde der Berliner sagen, gänzlich abgeht. Die sonstigen Gestalten des Stücks sind gleichgültig, gleichgültig auch die aus der ärgsten antisemitischen Schundliteratur zusammengelesenen Schimpfreden über Juden und Judentum, mit denen der schlüpfrige Dialog überreich gespickt ist. Alles das ist schon dagewesen. Interessant ist nur die Charakteristik der Hauptperson. Nicht, als ob sie uns einen interessanten Wirklichkeitstypus vorführen würde — wir sehen, dass jeder Zug an ihr erlogen ist —, einem „Dichter" vom Range Donnays täte man überhaupt unrecht, wenn man von ihm eine Konzeption und eine treue Spiegelung der Wirklichkeit verlangen würde. Er ist nur das Echo der Auffassungen, der S}^mpathien und Antipathien, die in gewissen Kreisen zu einer bestimmten Stunde herrschen. Und diese Auffassung ist lehrreich. Zurzeit scheint in den Kreisen des verkrachten französischen Adels und der diesem nahestehenden Grossbourgeosie eine starke Strömung gegen das Eindringen getaufter jüdischer Bankierstöchter sich geltend zu machen, und diese Strömung fand in Donnays Stück einen heftigen Ausdruck. Schlimme Zeiten! Dass das Stück in beteiligten Kreisen grosse Aufregung* und Empörung hervorgerufen hat, ist begreiflich. Uns anderen, die wir die Judenfrage nicht vermittels des Weihwedels zu lösen beabsichtigen, gilt es blofs als ein Zeichen der Zeit. LITERARISCHES, APHORISMEN. Die vor zwei Jahren nach einjährigem Bestehen eingegangene hebräische Wochenschrift „Ha-Dör" hat wieder zu erscheinen begonnen. Während der kurzen Zeit ihres Erscheinens hatte sich diese Wochenschrift in den Händen ihres Redakteurs David Frischmann zu einer literarischen und wissenschaftlichen Revue im vornehmsten Stile entwickelt, und das Bedauern in den Kreisen der Intelligenz war gross, als sie infolge misslicher Verlagsumstände eingehen musste. Nun hat sie der unermüdliche Redakteur zu neuem Leben erstehen lassen. David Frischmann nimmt als brillanter Stilist, als glänzender Kritiker, sowie als schaffender Geist einen der vornehmsten Plätze in der zeitgenössischen hebräischen Literatur ein, und der „Ha-Dör", der nun von neuem unter seiner Leitung auf den Plan tritt, wird eine recht fühlbare Lücke in der hebräischen Publizistik ausfüllen. Man abonniert auf das Blatt beim Verlag „Tuschiah" in Warschau. * * * Wir erhalten das erste Heft einer neuen Monatsschrift „Altneuland, Zeitschrift für die wirtschaftliche Erschliessung Palästinas. Organ der zionistischen Kommission zur Erforschung Palästinas". Herausgegeben

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