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Ost und West · 1904-01-01 · Heft 1 (Januar 1904) · p. Seite 67 - 68

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 1 (Januar 1904)
Article
Moses
Date
1904-01-01
Page
Seite 67 - 68 (sequence 2)
Language
German
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67 Max Hochdorf: Moses. 6S bin ein Jud, verzeih, gib mir anderes Brot. Stoss mich nicht. Ich lieb1 Dich, Herr, geh nicht zu unseren Feinden. Die hassen uns." Er sprach so dringend und ängstlich und sah sich so scheu um, als wenn er sich verraten glaubte. „Die Christen hassen Euch?" „Herr, sie schlagen mich und geben mir Fleisch, wenn ich betteln komme. Dass die Pest — — — Ihr seid gut, Herr. Ihr hört mich. Lebt Eure Mutter, Herr, und ist sie blond wie Ihr? Die Blonden sind gut, wie Ruth und Esther. Hier sind alle schwarze Teufel. Nur Lea ist braun, Herr. Lea ist schön. Sie sehnt sich nach Euch. Kommt zu Lea". Der Junge redete in grosser Hast Italienisch, Griechisch, Spaniolisch durcheinander und stand vor mir, mich mit fiebernden Augen anblitzend. Er hatte meine Neugier erregt, und ich ging mit ihm aus dem Volksgewühl. „Wie heisst Du, Bursch?" „Moses, Herr". rHast Du Eltern?" „Nein, Herr, nur Lea, meine Schwester. Kommt, kommt, sie wartet, dass ich Euch bringe. Ich hab's ihr versprochen. Dann werden wir Brot haben. Nicht, Herr, Ihr gebt uns, wenn sie---" Eine vorübergehende Alte stiess den Jungen so stark, dass er seinen Satz nicht zu Ende brachte und auf mich fiel. Die Alte lief lachend fort und rief: „Lea wird einen schönen Freund haben!" Moses warf ihr Steine nach und spie nach ihr, obwohl er wusste, dass er sie nicht erreichen würde. Dann wandte er sich wieder zu mir. „Jeden Morgen, Herr, wenn ich mir Gottes Wort vor die Stirn lege und dem Herzen gegenüber, flehich ihn an, dass er sie morden mag. Und er will nicht, Herr, er hasst die Hündin nicht. Er darf doch morden, und er tut's nicht. Lea möcht' jauchzen, wie Jephtahs Tochter gejauchzt hat." Der Ball auf der Reede war heruntergelassen und hatte die Mittagstunde angezeigt. Ich musste ins Hotel zum Frühstück und gab dem Jungen ein paar Münzen. „Ihr geht, Herr? Und Lea?" „Heuf nicht; morgen komm' ich mit Dir". „Herr, sie sehnt sich nach Euch, kommt heut'". Ich musste über die Worte des Jungen lachen. Er brachte sie hervor, als gälte es ein Leben. „Wenn es dunkel ist, triffst'Du mich hier. x^yir gehen dann zusammen. Nun scher' Dich". Ich wandte mich meinem Hotel zu. — — — — — Als die Sonne zu sinken anfing, sass ich im Schatten eines Zeltdaches auf der Hotelterrasse und rauchte. Da hör' ich unter mir Gekreisch und Geschrei von einer bewegten Volksmenge und sehe meinen Moses, von zwei Polizisten festgehalten. Ich eilte hinunter, und er erblickte mich. „Geht nicht zu Lea, Herr — Herr, Lea ist--" Er hatte sich mit übermenschlicher Kraft losgerissen und mir vor die Füsse geworfen. Er ergriff meine Hände, die ich ihm vor Ueberraschung zu entziehen vergass. „Herr, ich hab' sie gemordet, Gott wollte esnicht tun." Er bedeckte meine Hände mit Küssen. Plötzlich gab es ihm einen Ruck. Es schüttelte ihn durch und durch, und er bekam einen Blutsturz. Der dicke Strom floss mir über die Hände und besudelte meine Kleidung. Ich riss mich entsetzt los und sah ihn ohnmächtig zusammenbrechen---- Man erzählte mir später, er habe bei seiner Schwester Lea eine Alte mit einem englischen Matrosen getroffen und die Frau in unerklärlichem, plötzlich ausgebrochenen Wahnsinn so lange gewürgt, bis sie erstickt sei---— „DIE RUCKKEHR AUS JERUSALEM." Von X. Y. Z. „Die Rückkehr aus Jerusalem" ist der Titel eines — nicht etwa zionistischen Stückes von Maurice Donnay,; welches seit einigen Wochen allabendlich im Pariser Theatre Gymnase den grossen Haufen der Zuschauer ergötzt und ein kleines Häuflein ärgert. Von diesem Stück war in der letzten Zeit in der Presse vielfach und zwar sehr ausführlich die Rede, und allgemein wurde es mit einem enormen Aufwand von Entrüstimg und ehrlicher Aufregung als ein antisemitisches Stück bezeichnet. Diese Bezeichnung deckt keineswegs ganz den Charakter des vielumstrittenen Dramas, aber es bleibt ein merkwürdiges und interesssantes Zeichen der Zeit und verdient deshalb eine nähere Betrachtung. Der Verfasser dieses Stückes, der sich euphemistisch mitunter auch „Dichter" nennen lä*st, hat eine ganze Reihe von pornographischen Lustspielen auf den Markt gebracht, in (Nachdruck verboten.) denen des Menschen „bessere Hälfte", nämlich die vom Gürtel abwärts, die Hauptrolle spielt. Erst vor einem Jahre ergötzten sich an „La Bascule" alle diejenigen, die an den erotischen Erlebnissen anderer ihr Genüge zu finden bemüssigt sind. Diesmal hat sich Donnay über sich selbst erhoben und einen Griff in das Leben der „höheren" Zeitideen getan. Er behandelt nämlich das Problem der gemischten Ehe zwischen einem Arier und einer Semitin. Gemischt ist jedoch diese Ehe nur im Sinne der Rasse, nicht aber der Religion, denn die Jüdin in Donnays Stück ist eine getaufte- Jüdin. Aber „es gibt zwei Sorten von Juden: getaufte und ungetaufte", heisst es irgendwo in einem Antisemiten-Katechismus. Die get uften „Juden" bleiben eben „getaufte Juden" . . . Nun, ruft hier der Leser erstaunt aus, was für eine Beziehung kann es zwischen einer Jüdin, die sich taufen

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