Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- [Hierzu bemerkt Bar-Ami:...] / Bar-Ami
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 65 - 66 (sequence 1)
- Language
- German
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65 Leo Herzberg-Fränkel: Erwiderung. 66 Hierzu bemerkt Bar-Ami: Ich entnehme den obigen Ausführungen des Herrn Herzberg-Fränkel mit Vergnügen, dass er Handelskammer-Sekretär ist und, erfreulicherweise, auf keinen Rabbinerposten reflektiert. Es freut mich auch zu hören, dass man ein guter Jude — und dabei ein vollendeter Am-Haarez sein kann. Dann täte man aber gut, keine etnographisch-kulturhistorischen Abhandlungen über die Juden zu schreiben. Dankenswert jedoch war es von Seiten der Redaktion, dass sie die historischen Ausführungen dieses Herrn gestrichen hat. Hoffentlich werden die Herren Handelskammersekretäre sich fürderhin ausschliesslich der Pflege kommerzieller Angelegenheiten widmen und die jüdische Geschichte, Litteratur und Volkskunde in Ruhe lassen. MOSES. Von Max Hochdorf. Ich schlenderte am Strande von Korfu, um eine englische Flottille anfahren zu sehen. Ein halbwüchsiger Bursche Hess mich nicht vorbei. Seine Kleidung war notdürftig und verwahrlost, eine Hose und ein schmutziges, zerrissenes Hemd, das über der leicht behaarten Brust offen stand. Er drängte sich an mich. „Herr!*'. „Weg!« „Herr, hört mich!" Er fasste mich beim Arme. „Porca madonna, rühr' mich nicht an!" „Ihr müsst mich hören, Herr!" Ich riss mich los und hob den Stock. „Hundesohn, dass Dich der Teufel--w „Schlagt nicht, Herr; Ihr seid weiss und blond, Lea ist braun und heiss, Herr, Lea ist Jungfrau von vierzehn Jahren. Ich schenk' Euch Lea, Herr; wollt Ihr sie?" Ich wurde ihn nicht los. „Herr, habt Ihr Kupfer? Gebt's mir um Gotteslohn. Brot ist süss, und Hunger brennt noch mehr als die Augustsonne. Meine Füsse, Herr, die hab' ich mir wundgelaufen nach Brot." Ich warf ihm einige Stücke zu, dass er mir Ruhe gebe, und dann wurde meine Aufmerksamkeit durch das Manövrieren der im Sonnenschein fahrenden Schiffe in Anspruch genommen. Ich stand mit vielen am äussersten Kopf des Molo, und der Bettler war bald vergessen. Anderen Tags trat ich aus der Kirche des heiligen Spiridion, des Schutzpatrons von Korfu, in der Hand Basiliskenkraut von dem Kreuze und geweihtes Zuckerbrot, das mir ein munterer Küster mit lieben Worten zugesteckt hatte. Der Bursch war wieder neben mir. „Herr, Euer Brot hat süss geschmeckt wie Sulamiths Kuss." Ich hörte nicht auf den Vergleich, da es genug zu schauen und zu beobachten gab. Schöne, schlanke Frauengestalten in grellfarbigen, weit ausgeschnittenen Miedern und Goldschmuck darüber; seitwärts an den hohen Stirnen die Locken aufgedreht und ein rot geblümter Seidenturban, der nur den Hinterkopf bedeckte. „Herr, gib mir wieder Brot!"' Das zerlumpte Gesindel drängt sich überall hin und belästigt mich mit unerhörter Aufdringlichkeit. „Scher1 Dich zur Arbeit, Du Lungerer!" „Habt Ihr Arbeit, Herr? Ich bin als Träger von Korfu nach Triest gefahren. Da haben sie mich im Hafen halb totgeschlagen und ins Spital gebracht. Jetzt spuck' ich Blut." Er holte ein Tuch unter dem Hemd hervor, das mit geronnenem Blut befleckt war. Der Junge ekelte mich an und tat mir leid. Ich hielt ihm die Gabe des Küsters hin. „Hier, hast Du süsses Brot. Geh' jetzt und komme später zum Strand. Dann kauf ich Dir mehr." Er sah das Brot an. „Herr, woher habt Ihr das Brot?" „Nimm nur, es heilt, es ist vom heiligen Spiridion." „Verzeiht, Herr, ich will's nicht, behaltet's nur, ich will — kein Gift." „Was? Bist Du toll? Brot, das der Papa selbst gesegnet hat, Gift?" „Ich darf's nicht, Herr, das Brot ist unrein. Ich LEO HOROVITZ. SILBERNE SEDER-SCHÜSSEL. (Zum Artikel .,Synagogale Kunst'.) FIG. X.