Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Das galizische Hilfswerk
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 63 - 64 (sequence 2)
- Language
- German
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63 Dr. Paul Nathan: Das galizische Hilfswerk. 64 Der Mädchenhandel wird international betrieben, und seine Erscheinungen können daher auch nur international bekämpft werden. Demgemäss müssten sich auch die nicht österreichischen Organisationen mit den kompetenten Personen in Oesterreich und insbesondere in Galizien ins Einvernehmen setzen. Das ist in Lemberg angebahnt worden, aber gewiss nicht unter dem Gesichtspunkte, als wollten wir Nicht-Oesterreicher uns in nicht zurechtfertigender Weise in österreichische Verhältnisse einmischen. Die Absicht war vielmehr, zu helfen, und wenn die ferner Stehenden LEO HOROVITZ. FIG. CPI AN UK A-LEU CHTE R. (Zum Artikel „Synagogale Kunst".) I. helfen sollten, so mussten sie wissen, wie geholfen werden kann. Dass die Hilfe selbst aber nur durch Organe in Oesterreich zur Anwendung gelangen kann, darüber bestand bei den fremden Besuchern des Kongresses kein Zweifel, und die engen Beziehungen zwischen dem Hilfsverein der deutschen Juden und dem Wiener Hilfsverein für Galizien sind ein Beweis, dass diese Anschauungen in Taten umgesetzt worden sind. Schliesslich erscheint mir auch die Oeffentlichkeit der Kongressverhandlungen nicht als ein Unglück. Man darf den Mut haben, offen von einem Uebel zu sprechen, das der allgemeinen sozialen Lage seine Entstehung verdankt; und die grossen Opfer, die zur Bekämpfung dieses Uebels gebracht werden müssen, wären nicht aufzubringen, wenn nicht durch eine öffentliche Aussprache weite Kreise auf das galizische Elend hingewiesen würden. Ich glaube, dass der Kongress in Lemberg seine guten Früchte tragen wird, freilich gehört dazu auch, worauf Herr Schiff mit vollstem Rechte hinweist, dass gleichzeitig an der wirtschaftlichen Hebung der vielfach durch Hunger und ärgste Not in die Prostitution hineingetriebenen galizischen Glaubensgenossen gearbeitet wird. Dr. Paul Nathan. ERWIDERUNG. Von Herrn Leo Herzberg-Fr änkel, Verfasser der im vorigen Hefte von Bar-Ami besprochenen Abhandlung über die Juden in dem Werke „Oesterreich- Ungarn in Wort und Bild", erhalten wir folgende Erwiderung: Als ich vom Redaktionskomitee des kronprinzlichen Werkes „Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild", an dessen Spitze Hofrat v. Zeissberg stand,*) wurde mir der Raum auf anderthalb Druckbogen beschränkt und •eine historische Darstellung ausgeschlossen. Einige Daten über die Einwanderung der Juden nach Polen, ihre dortige soziale und politische Stellung, die guten und schlechten Zeiten, die wiederholten blutigen Verfolgungen seitens der Mönche «und Jesuiten, mit denen ich den ethnographischen Teil einleitete, wurden unter höflicher Entschuldigung und Hinweis auf eine hochortige Weisung, nachdem sie bereits gedruckt waren, gestrichen. Weiteres war meine Aufgabe nicht, ein Bild des. G esamtjudentums zu geben, sondern ganz ausschliesslich der polnischen Juden, der grossen, unbeleckten und ungeschminkten Masse des Volkes, das zwischen der Weichsel, dem Dnjestr und dem Dnjepr lebt. Dass ich diese, ihr Leben, ihre Sitten und Gebräuche kenne, glaube ich in meinem Publikationen sattsam bewiesen zu haben, und wird mir auch jedermann glauben, wenn ich hervorhebe, dass ich länger als 40 Jahre in öffentlicher Stellung in Brody lebte, der Kapitale der galizischen Juden. Auf *) Offenbar hat hier der Verfasser einen Satz ausgelassen, den wir nicht ergänzen konnten, da wir die Form der Aufforderung von der Herr Herzberg-Fränkel jedenfalls sprechen wollte, nicht kennen. — Red. von „Ost u. West". Grund meiner Erfahrungen und Beobachtungen wiederhole ich, dass dort, ebenso in anderen Städten, die meisten Juden am Jomkipur keine Fussbekleidung tragen, die Fanatiker auch nicht auf der Strasse, dass die Estriche in den Gotteshäusern mit Heu bestreut sind, um die blossfüssigen Beter vor Erkältung zu schützen; ferner dass am Freudentag von Jungen aus kleinen Pistolen, hohlen Torschlüsseln, mit Patronen und Kapseln, viel geschossen und manches Unheil angerichtet wird und endlich, dass der Unterricht der Thora mit Beresches begonnen und die betreffende Klasse des Cheder mit diesem Worte bezeichnet wird. Dass mir beim Makkabäerfeste ein Lapsus unterlaufen, indem ich sieben statt acht Tage angab, gestehe ich ein. Mein Gott, es sind schon schlimmere Defraudationen vorgekommen. Man kann, ein braver Jude sein und auch ein Chanukalichtel vergessen! Auf einen Rabbinerposten mache ich übrigens keinen Anspruch, und für einen Handelskammer - Sekretär weiss ich von den Zeremonialgesetzen ziemlich viel. Auch zur zweiten Defraudation will ich mich ohne Scham und Reue bekennen, nämlich dass ich „Tefilin" und nicht „Tephillin" schrieb. Der Himmel vergebe mir die Sünde, aber ich begehe sie wieder, weil ich sehr ökonomisch wirtschafte. Schliesslich will ich nur noch hervorheben, dass mein „Machwerk" in mehrere Sprachen übersetzt wurde, und dass ich für dasselbe im Wege des galizischen Statthalterei-Präsidiums ein Dankschreiben Sr. Majestät unseres Kaisers empfing. In eine weitere Polemik lasse ich mich nicht ein. Leo Herzberg-Fränkel.