Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-11-01 · Heft 11 (November 1907) · p. Seite 727 - 728

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 11 (November 1907)
Article
Das Unterstützungswerk der Alliance in Marokko
Date
1907-11-01
Page
Seite 727 - 728 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583965-2589327--07757-2589425
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

727 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das Unterstützungswerk der Alliance in Marokko. 728 sind. (Diese Listen, in denen die Namen der Unterstützten und die ihnen gegebenen Beträge verzeichnet sind, bleiben als Unterlagen für den Rechenschaftsbericht einstweilen im Archiv des provisorischen Komitees). Soeben erhalte ich den beiliegenden Brief, der mir in Abwesenheit des Herrn v. Rothschild ausgehändigt worden ist. Wie ich erfahre, hat die Gemeinde von Mazagan sich die grössten Opfer auferlegt, um unsere Glaubensgenossen aus Settat freizukaufen und sie zu ernähren. Doch muss sie eine grosse Zahl fortschicken, weil sie bereits überlastet ist. Den Absendern des Briefes habe ich alsbald Ermächtigung geschickt, alle Familien auszulösen, die ia der Gewalt der Araber sind, und ihnen einstweilen 1500 Frs. zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig habe ich Herrn Elmaleh von der Lage unterrichtet, damit er sich nach seiner Rückkehr nach Mazagan mit der Repatriierung dieser Unglücklichen beschäftigen könne. Heute früh kam aus Mazagan ein Zug von 123 Personen, die von der Gemeinde freigekauft und von Herrn Zenaty, einem Notablen von Mazagan, hierhergeleitet waren. Pisa Anlage. Mazagan, 17. September 1907. Wir beehren uns, an die menschlichen und grossherzigen Gefühle zu appelieren, die Ihnen die Bewunderung und die Dankbarkeit der Völker eingetragen haben. Infolge der kritischen Tage in Mazagan haben fast alle bemittelten Israeliten das Land verlassen. Wir aber sind um unserer Geschäfte willen hier geblieben und haben vom ersten Tage an es als unsere Pflicht angesehen, den 200 Brüdern, die sich hier im tiefsten Elend befinden, Hilfe zu leisten. Während unsere Mittel so. grosser Not gegenüber schon unzureichend wraren, kamen die Araber vorn Lande, um uns den Freikauf der Unglücklichen anzubieten, die in Casablanca und anderen Ortschaften gefangen worden waren. Es sind bereits 600 solcher Israeliten in Mazagan eingetroffen. Unser guter Wille wird niemals aufhören, aber unsere Mittel gestatten uns eine weitere wirksame Hilfe nicht. Wir vertrauen Ihrer edlen und mächtigen Intervention, auf die wir mit bewundernder Zuversicht rechnen. Genehmigen Sie den Ausdruck unserer Dankbarkeit und Ergebenheit. Aron A. Zenaty. Casablanca, 26. September 1907. Heute früh sind hundertundfünfzig Israeliten, die von der Gemeinde Mazagan freigekauft waren, durch unsere Vermittlung repatriiert worden. Sie kamen in beklagenswertem Zustand an. Wir haben ihnen die nötige Hilfe geleistet. Die von Herrn v. Rothschild geschickten 20 000 Frcs. sind in Händen des Kommandanten Mangin. Sechs- bis siebentausend Francs sind für Matratzen, Decken und Kleider ausgegeben worden. Für den Rest schlägt Kommandant Mangin folgende Verwendung vor: Ankauf von Rohstoffen zur Herstellung von Leinewand für Kinder und Frauen. Israelitische Frauen sollen mit dem Weben und Zuschneiden beschäftigt werden und dadurch einige Monate Arbeit haben. — Reinigung und Desinfektion des Mellah. — Organisierung der Arbeiter zur Säuberung des Innern der Häuser, ihrer Abwaschung mit Karbolwasser, und zum Weissen der Mauern. — Ankauf einiger Esel für die Strassenaufseher im Mellah usw. — Das provisorische Komitee wird sich über die Vorschläge äussern. Pisa. Casablanca, 1. Oktober 1907. Ich beehre mich, Ihnen die Nachrichten zu übermitteln, die ein von mir nach Uled-Hriss, Uled-Zyan, Mdakra und bis nach Settat entsandter Kurier gebracht hat: Das Land ist öde und verlassen. Die Araber haben ihre Lager 30 Kilometer weit zurückgezogen. Der Kurier begegnete unterwegs nur einigen Familien, die, von den unterworfenen Stämmen freigelassen, nach Casablanca zurückkehrten. Die Hauptmasse der Flüchtlinge scheint sich nach Settat zurückgezogen zu haben. In dieser Stadt hatten sich jüngst 700—800 Seelen angesammelt, von denen etwa 350 nach Mazagan und Rabat zurückgekehrt sind. Gegen 400 Personen blieben in äusserstem Mangel zurück. Herr David Amon, der in den ersten Tagen sich damit beschäftigt hatte, sie aufzunehmen, zeigt trotz der Hilfsmittel, die ich ihm zur Linderung des Elends dieser Unglücklichen zur Verfügung stellte, jetzt nur noch mässige Teilnahme und Fürsorge. Eine Zurückführung in Massen ist zur Zeit untunlich, weil Settat jetzt von dem Stamm der Schaujas besetzt ist und seit gestern das Gerücht sich hartnäckig erhält, dass die Mahalla des Gegensultans Mulay Hafid zu den Schaujas gestossen sei. Man weiss noch nicht, welche Haltung die beiden Sultane einnehmen werden; es seheint aber, dass die Hauptentwicklung des Dramas sich in dieser Gegend vollziehen wird. Unter solchen Umständen ist es für uns äusserst schwierig, zu entscheiden, ob wir die Flüchtlinge hierher sollen kommen lassen oder ob wir ihnen Unterstützungen schicken sollen. Ihre Lage zwischen den beiden Sultanen und inmitten einer unentschiedenen Bevölkerung ist überaus besorgniserregend. Mit Freude teile ich Ihnen mit, dass eine der Friedensbedingungen, die General Drude, Admiral Philibert und Herr Malpertuy den Stämmen auferlegt haben, die Freigabe aller von ihnen während der jüngsten Ereignisse gemachten Gefangenen ist. Aus den Zeitungen wissen Sie, dass fast alle Stämme in der Umgebung von Casablanca ihre Unterwerfung angemeldet haben. Es sind demgemäss auch alle Israeliten, die sich bei ihnen befanden, in die Stadt zurückgekehrt. Pisa.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.