Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 11 (November 1907)
- Article
- Die Dozenten der Lehranstalt um 1890
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 701 - 702 (sequence 3)
- Language
- German
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Standpunkts gehörte stets zu seinen sehnlichsten Wünschen. Vielen jungen Theologen ist er, besonders während meiner Studienzeit, ein Führer gewesen. Am äußersten linken Ende schien Haim Steinthal zu stehen. Ich glaube auch, daß seine tiefe Religiosität und seine heiße Liebe zum Judentum von manchem der Hörer nicht recht erkannt wurden. Das kam wohl hauptsächlich daher, daß in seinen Kollegien vor allem die scharfe, rücksichtslose Kritik seines Verstandes in den Vordergrund trat. Wohl kaum ein anderer Bibelkritiker zerriß die heiligen Texte in so viel Stücke, wie er. In Wirklichkeit aber war er der Typus des großen, vornehmen jüdischen Geistes. Sein HerzJ war ganz und gar von einer heiligen religiösen Sehnsucht erfüllt, mit seinem Verstände aber bohrte er unablässig in den Tiefen des Welträtsels. Der Prophet Jeremia, der angesichts seiner widrigen Schicksale und des Weltlaufs gar •manchmal vom Zweifel grausig gepackt wurde, auch mancher mit seinem Glauben ringende Psalmdichter, am meisten vielleicht der erhabene Verfasser des Buches Hioh, können hier zum Vergleich Prof. Dr. Maybaum, Berlin. Dozent seit 1SSS, herangezogen werden. Es ist wohl kein bloßer Zufall, daß Steinthal in dem 73. Psalm, vielleicht dem schönsten der bezeichneten Art, die höchste und reinste Religiosität ausgedrückt fand. Die Worte ,,die Nähe Gottes, sie ist mein Gut" enthalten nach seiner eignen Äußerung das Glaubensbekenntnis seines Herzens. Als ein echter Diener des Gottes, dessen Insiegel die Wahrheit ist, und also aus einem stark ethischen Grundtriebe heraus ein von glühendem Verlangen erfüllter Wahrheitssucher, übte er eine haarscharfe Kritik selbst am Heiligsten. Auch das war ihm Gottesdienst. Ein echter Sohn Jakobs, ein Wahrerisraelit, rang er für und mit Gott, und des Kampfes anstrengende Arbeit breitete eine stille, tiefe Wemut über sein Wesen. Wer konnte ihm, dem stillen Kämpfer, dem großen Denker, dem erhabenen Geiste, dem reinen Menschen mit dem kindlich schlichten Gemüte zu Füßen sitzen, ohne von heiliger Ehrfurcht erfaßt zu werden? Er war einer der edelsten und größten Söhne Israels im neunzehnten Jahr? hundert. Ihn gekannt, in seine Seele geschaut zu haben, ist ein reicher Gewinn für das ganze Leben.