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Ost und West · 1907-11-01 · Heft 11 (November 1907) · p. Seite 697 - 698

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 11 (November 1907)
Article
Abraham Geiger als Lehrer
Date
1907-11-01
Page
Seite 697 - 698 (sequence 3)
Language
German
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697 Oberrab. Prof. Dr. G. Klein, Stockholm: Abraham Geiger als Lehrer. 698 nHochschule" zu lehren, hat er keine heiligere Aufgabe gekannt, als in diesem Qeiste zu wirken. So hat er aus Kether Thora, aus der Krone der Wissenschaft, die ihn geschmückt, reichlich ausgeteilt Splitter von Qold und Edelgestein. Er hat aber ausserdem noch *für seine Schüler ein goldenes Herz gehabt. Wie ein Vater um seine Kinder besorgt ist, so war seine Sorge um seine Schüler. Der Vielbeschäftigte, von allen Seiten in Anspruch Genommene, hatte stets Zeit für sie. Er hatte ein offenes Ohr, wenn es galt, wissenschaftlichen Rat zu erteilen, und eine offene Hand, wenn es galt, materielle Not zu lindern. Doch am bedeutungsvollsten erschien er uns auf dem Katheder. Voll Qeist und Leben war seine Vortragsweise, glänzend und gedankenvoll seine Beredsamkeit, tief sein Eindruck, und sein unermüdlicher Eifer wurde durch die gespannteste Aufmerksamkeit und die innigste Anhänglichkeit, Liebe und Verehrung belohnt. Man muss Q. gesehen und gehört haben, wenn es in einem Vortrage galt, den Jüngern zu demonstrieren, wie man Resultate der Wissenschaft im praktischen Leben verwerten soll; da war alles an ihm Qeist und durchgeistigt. Da kannte seine Wahrheitsliebe keine Grenzen. Freiheit! war seine Parole. Freiheit in Gewissen und Glauben; Freiheit in der Wissenschaft; Freiheit im Leben der Völker, wie im Leben des Einzelnen! —: Er konnte alle Tonarten anschlagen, galt es das Lob der Freiheit zu singen, zum Kampfe für sie zu ermuntern. — So steht er noch heute vor mir, mahnend und warnend, als ein furchtloser Kämpfer für die Rechte der Vernunft und des freien Gewissens. So höre ich ihn noch heute mit seiner Donnerstimme dem schwer geprüften Israel zurufen: „Erhebe dich Israel, in vollem Schmuck des Geistes und bahne der freien Erkenntnis, die den wahren Glauben bedingt, weite Gassen. Darum weg mit allem Schein und aller Aussenfrömmigkeit, denn nur die innere Gesinnung heiligt. Raffe dich auf, Israel! Es ist lange genug an Dir herumgepfuscht und gekünstelt worden. Weg mit allen künstlichen Wiederbelebungsversuchen! Du hast einen lebendigen Gott, der sich offenbart in der Geschichte. Und mit Händen zu greifen ist seine Offenbarung in deiner eigenen Geschichte. Du hast einen Quell, den deine Geistesfürsten, den deine heiligen Propheten und Psalmisten gegraben. Schöpfe aus ihm und du wirst dich verjüngen und reifen für die wahre Freiheit. Es ist Zeit, dass du dich allen unnützen, deine Sittlichkeit und deine Erbauung nicht fördernden Umzäunungen entwindest. Führe deinen Kampf ums Recht mit Würde und tritt als Mann auf und nicht als Sklave. — Israel, du musst dich wieder auf deine heilige Aufgabe besinnen! Das ist das Eine! Dabei vergiss nimmer, dass du ein Glied bist an dem grossen Menschheitsorganismus. Aus deiner Gotteslehre folgt die Einheit des Menschengeschlechts. Du hast der Menschheit den Dekalog geschenkt. In deiner Bibel ist zuerst das grosse Gebot der Liebe verkündet worden. Noch sind deine Wurzeln nicht verdorrt, noch strömt Lebenskraft aus ihnen. Nur an dir Israel liegt es, zu wollen, recht zu wollen, dann wirst du noch eine Zukunft haben und der Menschheit zum Segen werden. Darum auf Israel! Sammle dich wieder um eine Idee, um deine Uridee, und die Spuren des Drucks, die noch an dir haften, werden bald getilgt sein, und eine späte Zukunft wird dankerfüllt von deinen Geistestaten zeugen." — So hat Geiger uns, seine Schüler, das Judentum erfassen und lieben gelehrt. So redet er noch heute aus seinen Schriften zu uns. O, dass wir auf seine Stimme hören! DIE DOZENTEN DER LEHRANSTALT UM 1890. Von Rabb. Dr. Max Joseph. Nachdruck verboten. Als ich beim Beginn meiner theologischen Studien mich unter den bestehenden Rabbiner-Bildungsanstalten für die „Hochschule" entschied, da war für mich hauptsächlich der Umstand ausschlaggebend, daß ich hier völlig freie Bahn für meine theologische Entwicklung zu finden hoffte. Der Gedanke, mit meiner Überzeugung irgendeinem Zwange zu unterstehen, ist mir stets unerträglich gewesen. Bunt genug war auch, wie von Anfang an, das Lehrerkollegium zusammengesetzt. Jeder junge Theologe wurde dadurch schon selbst gezwungen, seinen eigenen Weg zu suchen. Die Wissenschaft des Judentums wurde an der Anstalt gelehrt, seine Theologie mußte sich jeder selber aufbauen. Da war an dem einen Ende, am weitesten rechtsstehend, der selige Joel Müller. Ein Mann von großer talmudischer Gelehrsamkeit und einer seltenen, fast zaghaften Bescheidenheit. Dogmatisch hatte er den

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