Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Das Unterstützungswerk der Alliance in Marokko
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 651 - 652 (sequence 1)
- Language
- German
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651 652 DAS UNTERSTUETZUNOSWERK DER ALLIANCE IN MAROKKO. (Spezialbericht für die A. I. U. von Is. Pisa und El mal ah.) Nachdruck verboten. Casablanca, 18. August 1904. Ich habe die Ehre, Ihnen eine Unterredung zu berichten, die ich mit dem Platzkommandanten Mangin und dem General Drude, dem Kommandeur der Besatzungstruppen, über die Lage unserer Glaubensgenossen gehabt habe. Ich besuchte zuerst den Kommandanten Mangin. ,,Die Israeliten", erklärte er mir, „sind durch die jüngsten Vorkommnisse heimgesucht worden. Sie kennen die Verluste, die sie erlitten haben. Zahlreiche ehrenhafte Familien sind ins Elend gebracht worden, damit einige Spitzbuben sich durch Plünderung bereichern konnten. Ich war am ersten Tage im Mellah und habe mir das Quartier angesehen. Es hat mich in hohem Maß interessiert. Ich ahe keinerlei Vorurteil gegen seine Einwohnerschaft, denn ich kann mir recht gut erklären, wie Jahrhunderte der Unterdrückung sie erniedrigt und ihr heuchlerischen Anschein gegeben haben. Ich habe Mitleid mit diesen Menschen und Teilnahme für sie. In den ersten Tagen nach der Besetzung mußte ich streng mit ihnen sein. Ich habe sie zu harten Arbeitsleistungen herangezogen, zur Totenbestattung, zur Straßenreinigung. Das war unumgänglich, denn in der Stadt gab es keine Araber mehr und die Soldaten waren im Feuer.77?,Welches Programm haben Sie den Israeliten gegenüber festgestellt?r; ,,Ich will den Mellah reorganisieren wie die ganze üorige Stadt. Hierbei rechnen wir auch auf Sie. Sie kennen den Geist der Israeliten und haben Einfluß auf sie. Es trifft sich ganz gut, daß Sie das Oberhaupt der Gemeinde bleiben, da alle einflußreichen Personen die Stadt verlassen haben. Wir werden Ihnen die Reformen anzeigen, die wir gemeinschaftlich durchführen wollen. Ich werde die gegenwärtige Ubergangsperiode benutzen, um den Mellah als Judenviertel aufzuheben. Ich werde die Tore fortnehmen und das Quartier gesundheitlich umgestalten. Ich wünsche außerdem durch die Israeliten selbst Reformen einzuführen. Ich bitte Sie deshalb, mir über folgende vier Punkte Bericht zu geben: 1. Schaffung einer Israelitischen Gemeindeverwaltung, 2. Herstellung von Beziehungen zwischen der Gemeindeverwaltung mit der städtischen Zentral Verwaltung, 3. Hygienische Vorschriften für den Mellah, 4. Einrichtung einer Polizei". Auf die Frage nach der künftigen Lage der Israeliten, erwiderte der Kommandant: „Bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge kann ich Ihnen unmöglich darüber Auskunft geben. Wenn die Stämme sich unterwerfen, wird der Ausfuhrhandel wieder beginnen und die Ladeninhaber und Kaufleute werden wieder Geschäfte machen. Wenn aber der Kriegszustand andauert, so werden die Armen sich als Arbeiter verdingen müssen, junge Leute werden als Dolmetscher und als Angestellte in den zahlreichen Vorratshäusern dienen können. Unter allen Umständen rechnen wir sehr auf die israelitische Bevölkerung. Ich wiederhole einen Gemeinplatz, wenn ich sage, daß sie sehr nützliche Hilfskräfte zwischen den Arabern und uns abgeben können. WTir fühlen dies heute schon. Sie dienen uns als Dolmetscher und für allerhand Auskünfte. Ich bin überzeugt, daß unter der Okkupation und mit Hilfe Ihrer Schulen die Gemeinde sich umgestalten wird. Unsere hygienischen Vorschriften und unsere Polizei werden in dem Mellah Sauberkeit, Ordnung, gute Haltung, Arbeitsgelegenheit schaffen, der Besuch der Europäer wird die Bewohner aufrütteln und allmählich ihre Gewohnheiten um gestalten Ich muß hierbei erwähnen, daß diese Worte mit dem Ton besonderer Sympathie gesprochen wurden. Kommandant Mangin, ein Mann von hoher Einsicht, schien mir über die Sitten der hiesigen Israeliten vollkommen unterrichtet. Es ist ein wahres Glück, daß er an der Spitze der Stadt steht. Ich besuchte auch den General Drude. Der General empfing mich sehr schlicht. Er sagte mir, daß er von dem Werk der Alliance wohl gehört habe, sie aber nicht genau kenne. ,,Ich hoffe;;, fügte er hinzu, „lange genug hierzubleiben, um die Wiedereröffnung Ihrer Schulen zu sehen". Auf die Frage nach dem Eindruck, den die hiesigen Israeliten auf ihn gemacht hätten, erwiderte er: „Ich habe die Israeliten sehr wenig gesehen. Da ich Tag und Nacht auf dem Felde sein mußte, bin ich noch nicht zur Stadt gekommen. Indessen sehe ich doch die Flüchtlinge, die tagtäglich nach Casablanca zurückkehren. Sie scheinen mir klug und geweckt". „Und wie wird sich die Lage der Israeliten gestalten?" „Darüber fragen Sie mich nicht. Ich habe mit den militärischen Operationen zu tun und überlasse die Sorge für die Reorganisation der Stadt dem Kommandanten Mangin. Seien Sie überzeugt, daß er alles zu ihrer Verbesserung tun wird. Ich persönlich bin überzeugt, daß die Israeliten durch die Okkupation nur gewinnen können. Die Araber werden ihre Anmaßlichkeit den Israeliten gegenüber ebenso wie gegenüber den Europäern verlieren. Nach Beendigung der militärischen Operationen wird der Handel sicher einen großen Aufschwung nehmen, und dabei werden die Israeliten natürlich als Vermittler zwischen Arabern und Europäern dienen." Als ich den General verließ, hatte ich den Eindruck, daß er den Israeliten gegenüber dieselben Sympathien hegt wie Kommandant Mangin. Ich habe mit Offizieren und Soldaten gesprochen und einige von ihnen den Israeliten feindlich gefunden. Sie sprachen mit harten Werten von den Plünderungen, die unsere Glaubensgenossen veranlaßt hätten. Doch der Geist der Führer ist ausgezeichnet, und das ist es, was ich Ihnen habe mitteilen wollen, indem ich Ihnen den obigen Bericht über meine Unterredungen gab. I s. Pisa. Casablanca, 19. August 1907. Ich habe die Ehre, Ihnen Abschrift zweier an den Kommandanten Mangin gerichteten Briefe und der darauf eingegangenen Antworten zu überreichen. Es ist mir eine Genugtuung, hinzufügen zu können, daß