Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1907)
- Article
- Verblasste Gestalten
- Date
- 1907-10-01
- Page
- Seite 615 - 616 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583964-2589140--07541-2589209- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
615 616 VERBLASSTE GESTALTEN. Von A. 5. Rabbinowicz. — (Aus dem Hebräischen). Nachdruck verboten Ich mustere in der Erinnerung die Gassen und Plätze meines Heimatstädtchens..... Dort, in einem verlassenen Winkel, erhebt sich ein öder Trümmerhaufen und zur Seite ragt ein morscher Pfahl empor, gleich einem traurigen Denkmal entschwundenen Lebens. Ich kann mich der Erinnerungen nicht erwehren, die dieser Anblick in mir wachruft. Die verblaßten Gestalten tauchen aus dem Abgrund der Vergangenheit empor und umkreisen mich in gedrängter Schar: betrübende und erfreuliche, schöne und häßliche, in buntem Gemisch. Mein Gedächtnis verweilt gern bei den schönen und lieblichen Bildern, ich halte sie fest und präge sie mir ein. Die anderen verbanne ich gern in die Versenkung, aus der sie aufgetaucht sind: haben wir im wirklichen Leben nicht genug des Traurigen und Unschönen? — Doch auch die schönen und anmutigen zwischen seinen düsteren Wänden, flackerte das ewige Licht, das Licht des Lebens, nicht jenes grobsinnlichen Alltaglebens, sondern des wonnevollen Lebens der Geister, mit dem verglichen, alle Freuden dieser Welt eitel und nichtig sind; hier saßen viele, die sich Tag und Nacht dem Studium der heiligen Lehre widmeten. Drinnen waltete ein steinalter Schamas2);. Er war von gebückter Gestalt und hatte einen angsteinflößenden Blick, der besonders uns acht- bis neunjährigen Kindern vielen Schrecken verursachte. Der Alte hielt uns strenge im Zaume; just wenn wir in einem Winkel eifrig mit dem Spiele beschäftigt waren, tauchte er mit der Rute in der Hand auf und jagte uns nach allen Windrichtungen auseinander. Doch nicht wir allein hatten eine heillose Angst vor dem strengen Greise, sondern auch alle alten Leute, die dort beteten, denn der Schamas war älter als alle, unter den Gebilden meiner Erinnerung sind nicht äußerlich, sondern innerlich schön, schön allein durch ihre hehre Seele, durch das sie belebende und erhebende Ideal____ Dort, wo jetzt der Trümmerhaufen mir entgegenstarrt, erhob sich ehemals ein altes Lehrhaus. Die Fenster waren nahezu in den Erdboden versunken, die zerfallenen Wände mußten gestützt werden, um nicht völlig umzusinken, die Querbalken waren gänzlich vermorscht. Einzelne Fensterscheiben waren zerbrochen und geflickt, andere trüb und verkleistert. Das hohe und sehr schiefe Dach war ganz mit grünem Moos bewachsen, stellenweise mit Pilzen bedeckt. Keine Blume blühte, kein Baum grünte in der Nähe. Traurig und düster sah das alte Hau* drein..... Eine Tradition erzählte, daß hier einsl ein heiliger Mann, eine Säule der „Chabad"1) gehaust hatte..... Im Innern dieses traurigen Hauses, . r^lt %k >■. ^* 't:¥i^p ■ >. w ■ ■- M# HUGO REINHOLD SKIZZE 1900. Versuchung. J) Eine wegen ihrer strengen Frömmigkeit bekannte Partei unter den Chassidira. 2) Synagogenbezw. Gemeindediener. l%'£-i,ß*** HUGO REINHOLD BRONCEFIGUR 1899. Der vierte Stand«