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Ost und West · 1907-10-01 · Heft 10 (Oktober 1907) · p. [Seite]

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 10 (Oktober 1907)
Date
1907-10-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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OsFÄesr: ^7 ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 10. Oktober 1907. VII. Jahrg. JUEDISCHE ORGANISATION IN DER DIASPORA. Von Dr. Simon Bernfeld. Nachdruck verboten. Von nichtjüdischen Historikern ist häufig dem jüdischen "Volk die staatsbildende Fähigkeit abgesprochen worden. Als Beweis für diese Behauptung wurden die geschichtlichen Ereignisse angeführt, die erbitterten politischen und religiösen Kämpfe, welche die Entwicklung des jüdischen Staates gehemmt haben. Es ist in der Tat wahr, dass der erste Anlauf der israelitischen Stämme, in Vorderasien ein starkes politisches Gemeinwesen mit zentraler Gewalt zu bilden, durch den Partikularismus der einzelnen Stämme erfolglos geblieben ist; der zweite jüdische Staat wiederum litt fortwährend an den sozialen, politischen und religiösen Kämpfen, welche ihn zu verschiedenen Zeiten ins Wanken brachten. Indessen wird man diese Tatsachen zugeben können, ohne dass dadurch die an sie geknüpfte Schlussfolgerung bestätigt würde. Keinem Staat sind solche Ereignisse erspart geblieben, und niemals hat sich seine Entwicklung und Konsolidierung in gerader Linie vollzogen. Wenn die äusseren Ereignisse nicht seine Vernichtung herbeigeführt haben, konnte er diese in der Natur der Sache liegenden Schwierigkeiten überwinden. Der jüdische Staat ist nicht nur an dem partikularistischen Charakter der israelitischen Stämme und an der Masslosigkeit der Parteikämpfe zugrunde gegangen, sondern auch, und dies wohl in erster Beihe, an den politischen Verhältnissen Vorderasiens, an der unglücklichen geographischen Lage Palästinas und an verschiedenen anderen ungünstigen Bedingungen, deren Beseitigung gar nicht in der Kraft des jüdischen Volkes lag. Es ist eine geschichtliche Ethik von grossem volkspädagogischem Wert, wenn man das Unglück eines Volk mit dem Begriff von Schuld und Sühne in Verbindung bringt, aber objektiv wahr ist dies nicht. Ueber manches Volk sind schwere Prüfungen gekommen, nicht infolge seiner Fehler, sondern im Gegenteil wegen seiner moralischen Vorzüge. Die Juden besitzen zweifellos dieselbe staatsbildende Fähigkeit wie die anderen Völker, deren Geschichte nach dieser Richtung bessere Erfolge zu verzeichnen hat. Hingegen ist es vielleicht eine singaläre Erscheinung, dass sie auch ausser der staatlichen Gesellschaft in gewissem Sinne staatliche Organisationen und Institutionen schufen. Die Geschichte der Juden in der Diaspora zeigt, dass es einem kulturell hochentwickeltem Volke möglieh ist, ein Staatsleben zu führen, auch wenn es keinen Staat bildet. Fichte hat die Juden, welche zu seiner Zeit noch nicht in die staatliche Gesellschaft der zivilisierten Völker aufgenommen waren, als einen „Staat im Staat" bezeichnet; viel richtiger wäre aber die Bezeichnung: ein Staat ohne Staat. Durch achtzehn Jahrhunderte bildete das jüdische Volk an den verschiedenen Punkten der Erde, sozusagen einen ambulanten Staat, eine staatliche Gesellschaft ohne territoriale Grundlage, eine Art „Stiftszelt", wie es die Israeliten nach der biblischen Erzählung mit sich von Lager zu Lager herumgeführt haben. Wo die Juden sich im Laufe der Zeit dauernd niederliessen, richteten sie ihre eigene staatliche Ordnung ein, um sie dann, wenn sie eine neue Ansiedlung gründen mussten, abzubrechen und mit sich zu führen. Dieser ambulante jüdische Staat hatte stets seine Institutionen, die er nicht entbehren konnte. Die jüdische Gemeinde der früheren Jahrhunderte bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war keineswegs bloss eine religiöse oder gar bloss kirchliche Gemeinschaft, wie sie es heutzutage in den westeuropäischen und amerikanischen Ländern ist; sie war eine politisch gegliederte Kolonie, die unter gewissen Bedingungen von dem sie umgebenden fremden Staat geduldet und beschützt wurde. Gab es in einem grösseren Staat mehrere jüdische Gemeinden mit zahlreicher Bevölkerung, so lag es in der Natur der Dinge, dass die Gemeinden eine gemeinsame Organisation schufen, nicht etwa, wie dies auch heutzutage in vielen Ländern geschieht, um die gemeinsamen religiösen Interessen zu fördern, sondern um die ambulante staatliche Gesellschaft zu erhalten und zu befestigen. Eine bloss religiöse Organisation der Juden ist leicht zu schaffen und zu halten; sie ist eigentlich auch da vorhanden, wo sie unsichtbar ist. Und das Judentum selbst ist eine Organisation, ein Zentralpunkt, dem sich alle einzelnen Gemeinwesen von selbst anschliessen, auch ohne Organisationsstatut. Ganz anders liegen die Dinge, wenn es sich um politische Gemeinden handelt, die sich auf Grund von Abmachungen und Vereinbarungen zusammenschliessen. Oft ist die politische

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