Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1907)
- Article
- Ein Urteil über das Alliance-Werk in Persien
- Date
- 1907-08-01
- Page
- Seite 601 - 602 (sequence 1)
- Language
- German
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601 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle. 602 Ein Urteil über das Alliance-Werk in Persien. Der Spezialberichterstatter des „Berliner Tageblatts" HerrMygind, schreibt aus Teheran über die dortigen Alliance-Schulen wie folgt: „Ich habe ia meinem früheren Artikel schon von der vom Staate suventionierten deutschen Schule gesprochen und will heute einige Worte über die Schule der „Alliance Israelite" hier folgen lassen. Wenn man bedenkt;, dass unter den Mohamedauern im allgemeinen eine starke Abneigung gegen die Juden herrscht, und dass die Alliance hier nicht wie zum Beispiel in der Türkei einen starken internationalen Rückhalt au diplomatischen Verträgen uud Konzessionen besitzt, so wirft das Bestehen und Gedeihen ihrer Schulen in Persien ebenfalls ein eigenes Licht auf den „Fanatismus" der Perser. In einem zum grösseren Teil von einheimischen Juden bewohnten Viertel im östlichen Teil der Stadt, zu dem man durch eine lange Basergasse gelangt, befinden sich in drei gemieteten Häusern die beiden Schulen für Knaben und Mädchen. Ich bt-suchte diese letztere zuerst und wurde empfangen von der Direktrice, der mir bereits bekannten Frau ßosano, die schon in Konstantinopel und Sofia gewirkt hat. Sie führt mich in den Klassen herum und erläutert. In ihrer Schule sind 196 Mädchen im Alter von 6—14 Jahren, verteilt auf fünf Klassen y in denen von acht Lehrkräften — der Direktrice, einem Lehrer und sechs in der Schule selbst ausgebildeten Lehrerinnen — unterrichtet wird. Lehrgegenstände sind ausser den allgemeinen üblichen einer niederen Volksschule Teppichweben, Strumpfwirken und Feinwäsche — also drei hierzulande gutbezahlte Frauenarbeiten. Frau Eosano ist eine energische Leiterin, und alles geht wie am Schnürchen. Aber welche Geduld und welche Zähigkeit dazu gehört hat, diese verwahrloste Jugend au Zucht und Ordnung, vor allem, au Reinlichkeit zu gewöhnen, und wieviel kleiner Fehden mit den eigensinnigen Eltern es gekostet hat, das lässt sich aus einigen Mitteilungen der Dame ermessen: „Als ich vor fünf Jahren meine Arbeit begann, war kaum eines der Mädchen ohne irgend eine ekelhafte Haar- oder Hautkrankheit Ich begann neben aligemeiner Körperpflege damit, sie zu zwingen, ihr Haar statt wie landesüblich in vier oder fünf festgeflochtenen und eigentlich niemals ausgekämmten Zöpfen in einem einzigen losen Knoten zu tragen, der sich selbstverständlich während des Spiels oder nachts von selbst löst: dadurch erreichte ich, dass die Mädchen schon aus Koketterie ihr Haar wieder ordneten, und dass durch den Luftzutritt und das Waschen und Kämmen die Ausschläge allmählich von selber verschwanden. Aber das schwerste von allem war der Kampf mit den Eltern gegen die Frühheiraten; war es doch Sitte, kräftige Mädchen mit zehn Jahren und selbst noch jünger zu verehelichen! Das kommt jetzt, wie ich mit Stolz sagen kann, kaum mehr vor; einige ernste Worte da, wo die Absicht zu bestehen scheint, seitens meines alten Freundes hier" — sie stellt mir einen der Vorsteher vor — „genügen heute, um die Ausführung zu verhindern." Ich ging nun in die Knabenschule, die unter der Leitung des Direktors Loria aus Saloniki steht, den ein zweiter Direktor und neun einheimische Lehrer unterstützen. Anzahl der Schüler 470, verteilt auf zehn Klassen. Die Unterrichtsgegenstände sind die einer Elementarschule, wozu noch Hebräisch und Arabisch kommen; die Unterrichtssprache ist in den unteren Klassen persisch, in den oberen französisch. Auch Herr Loria hat viel mit den orientalischen Untugenden der Unreinlichkeit und Uupünktlichkeit zu kämpfen gehabt, aber seine Klassen machen heute durchweg einen mindestens ebenso sauberen und ordentlichen Eindruck wie die einer deutschen Dorfschule. Die Knaben scheiden meistens mit dem fünfzehnten oder sechzehnten Lebensjahre aus und finden leicht Anstellungen in Bureaus und Geschäften." Die verehrlichen Mitglieder, die auf regelmässige und pünktliche Zustellung unseres Organs Wert legen, werden ersucht, Aenderungen ihrer Postadresse unver^ züglich dem Deutschen Bureau der A. I. U., Berlin N. 24, Oranienburgerstrasse 42/43 mitzuteilen. Alle für das Berliner Lokal »Comite der A. I. U. und für das Deutsche Bureau der A. I. U. bestimmten Geldsendungen beliebe man an den Schatzmeister Herrn Benno Braun in Firma Joelsohn & Brünn, Berlin C. 19, Hausvoigteiplatz 12 zu adressieren, eventuell durch Reichsbank-Girokonto der Firma Joelsohn & Brünn zu überweisen. bxW *73 TO m D^my BUECHERSCHAU. Aphorismen. Von C. Kalischer. Verlag von Carl Georgi in Bann. Aphorismen sind zur Mode und damit zur Plage geworden. Wer schiefe Gedanken in manierierte Form zu bringen "vermag, lässt sie unter dem Namen von Aphorismen in die Welt gehen. Die Bezeichnung ist dadurch in Yerruf gekommen. Das vorliegende Büchelchen ist keine Modearbeit. Nicht die Witzform ist ihr Zweck, auch ist ihr Witz nicht gesucht. Mit grosser Kunst sind hier hohe und kluge Gedanken in die einfachste, knappste Form gekleidet. Die Gedanken blenden nicht durch ihren Ausdruck, sondern durch überzeugende