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Ost und West · 1907-07-01 · Heft 7 (Juli 1907) · p. Seite 467

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 7 (Juli 1907)
Article
Ein jüdisches Künstlerpaar in Russland
Date
1907-07-01
Page
Seite 467 (sequence 2)
Language
German
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Abi Ein jüdisches Künstlerpaar in Rnssland. 468 Klara BrtnvKamionska, Kiew, Opernsängerin. Villa fühlte sie sieh ebenfalls nicht sicher und hatte, wie sie mir erzählte, die ganze Nacht angekleidet in irgend einer Sophaecke zugebracht. Sie erzählte mir viel von den fürchterlichen Pogromtagen, die Kiew gesehen hatte, und an welchen viele ihrer nächsten Anverwandten grossen Schaden erfuhren. Kein Stand also bleibt von diesen Ereignissen in Russland unberührt. Ein Künstlerpaar, das sich in der Stadt der grössten Beliebtheit erfreut und in dessen Haus sich die bedeutendsten und angesehendsten Persönlichkeiten einfinden, wird von Zeit zu Zeit daran erinnert, dass es einem rechtlos gemachten "Volke angehört und für Leben und Habe zu fürchten hat. Oskar Kamionski, der in ganz Russland als ausgezeichneter Darsteller und Sänger in Wagneropern berühmt ist, entstammt einer sehr angesehenen und gebildeten jüdischen Familie in Mohilew am Dnjepr. Dass er ein hervorragender Künstler geworden ist, hat er seinem ungewöhnlichen Können und seiner grossen Energie zu verdanken. Denn die Hindernisse, die er zu überwinden hatte, waren ungemein gross. Er musste das Vorurteil, das in alten jüdischen Familien gegen diesen Beruf herrscht, erst besiegen, denn er wollte durchaus nicht seine Eltern kränken. Sie billigten erst dann diese Berufswahl, als er ihnen versprochen hatte, unter allen Umständen im Judentum treu auszuharren. Dieses Versprechen hat er treulich gehalten, und in Gemeinschaft mit seiner Gattin, der ebenfalls ausgezeichneten Künstlerin, welche die weiblichen Hauptrollen in den Wagneropern gibt, repräsentiert er in seinem Hause immer den jüdischen Künstler. Ich habe viele Stunden in diesem Hause auf das angenehmste zugebracht, und ich will gleich gestehen, dass mich im Gespräche mit Frau Klara Brun-Kaminska nicht sosehr die Künstlerin interessierte, wie die Jüdin. Auch die Künstlerin war darüber sehr erfreut, mit einem jüdischen Schriftsteller sich über, die Zukunft des jüdischen Volkes eingehend unterhalten zu können. Ich gewann den Eindruck, dass diese edle Frau, die persönlich unter dem Antisemitismus nicht im mindesten zu leiden hat und im Gegenteil in der russischen Gesellschaft nur Liebes und Angenehmes erfährt, freiwillig auf sich das Joch des „Golus" genommen hat und mit ihrem leidenden Volke leidet und hofft. Unser stundenlanges Gespräch galt dem Zionismus, und es hatte etwas Beschämendes für mich, dass sie sich in dem Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes stärker zeigte als ich selbst. Als „jüdische" Künstlerin bezeichnete sie sich auf einer Photographie, die sie mir zum Andenken an unsere Unterhaltung schenkte. Ich bin auf meiner Reise in Russland mit verschiedenen jüdischen und christlichen Personen zusammengekommen, habe viel Angenehmes und auch Betrübendes gesehen, aber die Begegnung mit dieser Künstlerin, die auf der Höhe des persönlichen Erfolges steht, jedoch durch die Leiden des jüdischen Volkes soviel Kummer und Schmerz erlebt, gehört zu dem Bedeutsamsten, was mir in Russland begegnet ist. Das ist auch ein Blatt aus unserer Golusgeschichte. B»

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