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Ost und West · 1907-07-01 · Heft 7 (Juli 1907) · p. Seite 443 - 444

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 7 (Juli 1907)
Article
Nathaniel Sichel
Date
1907-07-01
Page
Seite 443 - 444 (sequence 2)
Language
German
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443 Nathaniel Sichel 444 ins Weite senden, während der klare Himmel um sie blaut. Auf hohem Gestein sitzen oder lagern sie, die Helligkeit der Atmosphäre lässt die Plastik ihrer Leiber hervortreten; hinten dehnt sich das endlose Meer, die Stadt windet sich um die hügelige Bucht, daraus Kuppeln und Rlinarets zur Höhe steigen. Sicheis Trauen gestalten, die biblische Persönlichkeiten verkörpern, entsprechen nicht gerade dem Charakter, der sich aus der biblischen Erzählung ergibt. Es ist mehr das fraulich schöne Dasein mit einer allgemeinen Beziehung zum Morgenland als eine spezifisch charakterisierte Persönlichkeit, was er darin darstellen will. Die Kampfesheldin Deborah unterscheidet sich höchstens durch etwas Ernst von der gastfreundlichen Eebekka oder der Tochter Jephtahs. Es ist mehr eine äusserliche Bezeichnung, wenn diese reizvollen modernen Geschöpfe solch ehrwürdige Namen tragen, wie sie ja auch zuweilen mit Namen wie „Mirjam" oder „Esther" belegt sind, ohne überhaupt Beziehung zur Bibel zu haben. Störend wirkt dieser Umstand bei Bildern wie die Judith. Die verführerisch schöne Gestalt, mit dem losen Gewände ist reicher an Pose wie an heldischer Frauengrösse; die Magd hinter ihr, geschmückt wie die Herrin, steht zu gemeinsamer Repräsentation neben ihr. So berücken sie alle Welt, während sie heimlich zu des Holofernes Zelt hin wollen. Die Zahl der Werke ist gross, die der rührige, aus Mainz gebürtige, nunmehr 63 jährige Künstler geschaffen hat, und in allen klingt dieselbe Melodie hindurch, mit der er des Weibes Schönheit und Reiz unermüdlich besingt. EINE MISSETAT. Von D. Aismann aus dem Russischen. Nachdruck verboten. Es war noch ganz dunkel, als der Droschkenkutscher Lejser sich von dem Lumpenbündel erhob, das ihm als Lagerstatt diente. Er zündete das kleine messingne Lämpchen an und begann sich anzukleiden. Seine Bewegungen waren langsam, unwillig, er hustete, stöhnte und fuhr sich mit dem Ellbogen über die Seiten, dann wieder rieb er den Rü'kken an der Wand. Weiß ich? Weiß ich, was sein wird? — sprach er in Gedanken zu sich. — Nur Gott, derAllmächtige kann wissen. Was ist der Mensch? Der Mensch kann gar nicht wissen. Er fing an zu beten. Aber er dachte nicht an dieWorte, die er leise murmelte, sondern daran, daß er Copyright by Gustav Schauer, Berlin. . nicht wußte, NATHANIEL SICHEL BERLIN. wie der Xag Die Bettlerin vom Pont des Arts. zu Ende gehen würde, und ob die Kinder heute satt werden sollten. Als er sein Gebet beendet hatte, zog Lejser seinen alten Kutschermantel an, band den Riemen um die Hüften fest und schritt vorsichtig mit großen Schritten über die auf dem Boden schlafenden Kinder hinweg zur Tür. In diesem Moment fiel sein Blick auf das Küchenbord und ein kleines Stück Brot, das darauf lag. Er wurde kleinmütig. „Socie", sagte er leise und fragend, und wandte sich an sein Weib, eine große, hagere Frau, die eben schweigend vom Ofen heruntergekrochen war und schweigend auf einem umgedrehten Backtrog hockte. „Nu!" . Dieses Nu ernüchterte Lejser ---- wirklich — was fiel ihm ein! Die Kinder! .... Er räusperte sich und griff nach der Türklinke. „Was denkst du dir eigentlich", schrie Socie herausfordernd, „wirst du endlich einmal Arbeit bekommen?" Lejser blieb stehen. „Kann ich wissen .... vielleicht wird der Herrgott segnen . . . ." „Du kannst nichts wissen .... nichts! Andere wissen, andere arbeiten." „Nu ich, wrill ich denn nicht arbeiten?" — Lejser schaute seine Frau traurig an. — „Was soll man tun! Der Bug*) ist zu, Weizen fährt man nicht, nirgends ist Arbeit. Wenn ein Mensch um eine Fuhre kommt, stoßen sich zwanzig." „Stoß' du dich auch!" „Ich geb mir Mühe .... ich tue alles." „Du tust nichts, du bist ein Hundsfott, du schläfst auf dem Bock, du wirst nie Arbeit haben." Lejser seufzte und schlich hinaus. Im Schuppen stand Krapuntschik, eine weißliche blinde Stute mit langem struppigen Maul, mit ge- *) Nebenfluss des Dnjepr.

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