Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1907)
- Article
- Die jüdische Presse in Österreich
- Date
- 1907-07-01
- Page
- Seite 439 - 440 (sequence 5)
- Language
- German
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439 Josef Lin, Berlin: Die jüdische Presse in Oesterreich. 440 außerhalb ihres Herkunftslandes. Und das, was in Galizien selbst hervorgebracht wird, rührt auch zum Teil von aus Rußland eingewanderten Literaten her. So gab der aus Wilna stammende bekannte Romanenschriftsteller Rüben Uscher Braudes in den 90er Jahren in Krakau das hebräische Wochenblatt „Hasman" („Die Zeit") und in Lemberg die Jargonblätter „Der Wecker" und „Der Karmel" heraus, welche die palästinophile Richtung vertraten und in der Renaissancebewegung einen bedeutenden Platz einnahmen. Ebenso wurde der auch in Galizien verbreitete „Haschachar" („Die Morgenröte"), das bedeutendste Journal in der neuhebräischen Literatur, an dem auch Hof rat Müller, Dr. Rubin, die Rabbiner Schmiedel und Jellinek mitarbeiteten, in den 70er und 80er Jahren von dem aus Rußland stammenden genialen Peter Smolensky in Wien herausgegeben. Auch das gegenwärtige zionistische Lemberger „Tagblatt" wird von dem aus Rußland vor einigen Jahren hinübergesiedelten Publizisten M. Kleinmann redigiert. Von den Galizianern selbst haben Gustav Bader, S. Gräber, D. J. Silberbusch, J. S. Fuchs, M. Weißmann-Chajes verschiedene hebräische und jargonische Blätter, Zeitschriften und Almanache herausgegeben, die aber meist ein kurzes Dasein hatten. Das jüdische Galizien ist das klassische Land der kurzlebigen Zeitungen. Man ist dort in dieser Beziehung sehr unternehmend. Mit ein paar zusammengesuchten Gulden gründet man ein Blatt, dessen geschäftliche Hauptgrundsätze häufig die folgenden sind: 1. Schriftstellerhonorare werden prinzipiell nicht gezahlt. 2. Aus anderen Zeitungen werden Artikel abgeschrieben (nicht immer mit Quellenangabe). 3. Das Blatt geht nach kurzer Frist ein. — Und wenn ein Blatt wie die wöchentliche „Drohobyczer Zeitung" des „K. und K. Hoflieferanten" Aron H. Supnik unberufen seit 25 Jahren existiert, so ist dies einer Subventionierung seitens der Regierung zu verdanken. Die Sprache dieses kleinen Blattes ist teils deutsch mit hebräischen Lettern, teils hebräisch, teils jüdischdeutsch. Es ist das einzige jüdische Organ, das von der Regierung subventioniert ward und offizielle Inserate zur Veröffentlichung erhält. Bedeutender, wenn auch nicht besonders inhaltsreich ist das von dem zionistischen Agitator jL. Taubes in Czernowitz in jargonischer Sprache herausgegebene „ Jüdische Wochenblatt", Ein modernes I Jargonblatt ist die in Krakau erscheinende Wochenschrift „Der Jüdische Arbeiter", das Organ der österreichischen „Poale-Zion". Als „Organ für das wahrej Judentum mit Zustimmung vieler Rabbiner" bezeichnetsich der wöchentliche „Jüdischer Freind" in Bohorabzany, dessen Redakteur sich nennt: „Daniel Sternfeld, \ Leiter der heiligen Jeschiwah zur Förderung der Thora;— langds Leben zu ihrer Rechten, Reichtum und Ehre zu ihrer Linken". Sehr „gelehrt" ist das Jargonblatt „Der jüdische Wecker" in Stanislau, das über Kunst, Literatur,- Philosophie, Staatwirtschaftslehre und viele andere Wissenschaften „fachmännische" Aufsätze bringt. — Die hebräische Presse liegt jetzt in Galizien ganz danieder. Das Wochenblatt ,Hamicpa" („Die Wacht-) in Krakau ist literarisch bedeutungslos. Seit kurzem erscheint in Rzeszow- Jaslo eine Monatsschrift „Haschachar", die schon um ihrer Tendenz willen interessant ist; sie ist nämlich „gewidmet den Interessen der talmudistischen Bachurim." Im Programm wird bittere Klage darüber geführt, daß die so verlassenen und unglücklichen Talmudjünger von aller Welt verpönt werden, und dann heißt es: .... „Wir wollen den Bachurim Israels die Wrelt und das Leben näher bringen: Die große, bilder- und farbenreiche Welt und das Leben mit all seinen Bewegungen. Wir wollen die Bachurim in europäischem Geiste erziehen, zugleich aber auch in ihnen das Eigenbewußtsein pflegen......." Die Leiter der Zeitschrift, deren bisher erschienene Nummern geschmackvoll ausgestattet sind, erlassen die Parole: „Bachurim aller Jeschiwoth, vereinigt euch!" — Damit ist die gegenwärtige hebräische Presse in der Heimat der Krochmal, Rapoport und Erter so gut wie erschöpft! Die deutsche Presse der österreichischen Judenheit stand besonders in der ersten Zeit auf einer hohen Stufe. „Bloch's Österreichische Wochenschrift" in Wien gehörte zu den gediegensten jüdischen Blättern. Literarisch bedeutend war anfangs die Wiener „Neuzeit", an der sich auch Kompert und Jellinek beteiligten; in den letzten Jahren ihrer inzwischen beendeten Existenz war sie aber inhaltlich heruntergekommen. Hervorzuheben sind die Brünner „Jüdische Volksstimme"; die von Dr. Herzl begründete zionistische „Welt", die inzwischen nach Köln übergesiedelt ist; die von Nathan Birnbaum in Wien herausgegebene ,,Neue Zeitungu; die seit kurzem erscheinende jüdisch-nationale „Selbstwehrin Prag; die Jugendzeitschriften „Jung-Juda" in Prag und „Unsere Hoffnung44 in Wien, — alles ernste, prinzipienfeste Blätter, Eine wandlungsreiche Vorgeschichte hat die von Dr. R. S. Landau herausgegebene „Neue Nationalzeitung" in Wien, die aus der territorialistischen „Nationalzeitung" hervorgegangen ist. Diese wiederum war eine Fortsetzung des „Jüdischen Volksblatts", welches das Organ des von Richard Rappaport begründeten nationalpolitischen „Volksvereins** gewesen war. Die „Neue Nationalzeitung" ist noch zu neu, als daß man über sie ein abschließendes Urteil abgeben könnte. Gut redigiert war der im letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts etwa 20 Jahre hindurch erschienene, vom Reichsratsabgeordneten Dr. Byck herausgegebene „Israelit" in Lemberg, das Organ des einflußreichen „Schomer Isroel"-Vereins, Die vom Professor Rabbiner Kurrein herausgegebene zionistische monatliche „Jüdische Chronik" in Teplitz-Schönau, das Zentralorgan des Rabbinerverbandes in Böhmen-Mähren, war literarisch wertvoll und publizistisch ernst und gediegen. Von den polnischen Blättern seien hervorgehoben der zionistische „Wschod** und die der „Polenklub-Politik" huldigende „ Jednoä<5", beide in Lemberg, die sich besonders während der jüngsten Reichsratswahlen sehr bemerkbar machten. Die jüdische Presse in Österreich befindet sich zwar nicht in einer Blüteperiode, zeigt aber gewisse Anläufe zu erneutem. Aufschwung.