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Ost und West · 1907-07-01 · Heft 7 (Juli 1907) · p. Seite 435 - 436

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 7 (Juli 1907)
Article
Die jüdische Presse in Österreich
Date
1907-07-01
Page
Seite 435 - 436 (sequence 3)
Language
German
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435 Josef Lin, Berlin: Die jüdische Presse in Oesterreich. 436 die jüdische Prosse in Österreich an mit dem stärkeren Hervortreten der galizischen Elemente, welche im zweiten Viertel des vorigen Jahrhunderts die führende Rolle in der österreichischen Hascalah hatten. In Galizien stießen die Aufklärungsbestrebungen auf den hartnäckigsten und erbittertsten Widerstand seitens der konservativen Talmudisten und der fanatischen Chassidim. Die Fortschrittspioniere waren den unerhörtesten Verfolgungen ausgesetzt und mußten fortwährend schwere Kämpfe bestehen. Und so stand auch die dortige Hascalah-Presse im Zeichen des Kampfes, der häufig einen sehr radikalen Charakter trug und sich mitunter auch gegen den Talmud und gegen die absolute und unveränderliche Giltigkeit seiner rituellen Vorschriften richtete. Der polemische Charakter zeigte sich bereits im „Kerem Chemed" („Lieblicher Weinberg"), der im Jahre 1833 vom Galizianer S. L. Goldenberg begründet wurde und von dem neun Bände in unregelmäßigen Zeitabständen in verschiedenen Städten erschienen sind. Das galizische Dreigestirn jener Epoche: der erste hebräische Hegelianer, der „galizische Mendelssohn" Nachman Krochmal; der große Historiker und Dichter S. J. Rapoport und der unübertroffene Satiriker und hebräische Sprachmeister Isak Erter nahmen her vorragenden Anteil am „Kcrem Chemed'f, ebenso der edle Josef Perl, Luzatto und Zunz. Radikaler und schärfer in Inhalt und Form als dieses Hascalah-Organ war das hebräische Sammelwerk „Hecholuz" Der Pionier"), das von dem mutigen und schonungslosen Kritiker und geistvollen Satiriker Osias Schorr herausgegeben wurde und in zehn Bänden in verschiedenen Zeiträumen zwischen 1851 und 1877 erschienen ist. Der zum größten Teile von seinem Herausgeber selbst ausgefüllte „Hecholuz" enthielt eine sehr freie Bibelkritik, Befehdung des Grundsatzes von der Göttlichkeit und Unfehlbarkeit des Talmuds, leidenschaftliche Angriffe gegen die die Lebensbedürfnisse ignorierenden Rabbiner, die Forderung nach einer Reformierung der jüdisch-religiösen Vorschriften, dem Zeitgeiste und den Gegenwartsbedingungen entsprechend. Dieses Hascalah-Qrgan, zu dessen Mitarbeitern auch Abraham Geiger zählte, ging in seiner Bekämpfung der Tradition soweit, daß es selbst von Aufgeklärten wie S. J. Rapoport als zu radikal und einseitig mißbilligt wurde. Viel gemäßigter war das von A. W. Menkes und Josef Cohn Zedek begründete hebräische Wochenblatt „Hamowasser" („Der Yerkünder") in Lemberg, welches Ton 1860—1870 erschien und auf die öffentliche Meinung der galizischen Judenheit großen Einfluß hatte. Diese Wochenschrift befaßte sich viel mit Politik, in der sie im allgemeinen eine fortschrittliche Richtung vertrat, was sie nicht verhinderte, die Notwendigkeit einer „jüdischen Politik" zu propagieren. Seine vierzehntägige literarische Beilage „Hanescher" („Der Adler") brachte auch Übersetzungen von Byron, Uliland, Kants „Kritik der reinen Vernunft", allgemeine naturwissenschaftliche Abhandlungen von Dr. Rubin, dessen „Maasse taatuim" vom Spinoza-Übersetzer J. Stern unter dem Titel „Die Geschichte des Aberglaubens" ins Deutsche übertragen worden ist. Eine zweite Beilage „Halichauth Olam" war speziell dem Studium der Geschichte der Juden in Galizien gewidmet, auf welchem Gebiete der Redakteur Josef Cohn Zedek eine bedeutende Autorität war. Der „Harnewasser" war in allen Schichten der galizischen Judenheit, selbst unter den Orthodoxen, verbreitet. Einen geringeren Einfluß hatte die von Baruch Werber begründete hebräische Wochenschrift „Haiwri" mit der theologisch-wissenschaftlichen Beilage „Iwri onauchi" in Brody, welche von 1865—1890 erschien. Die Hascalah-Epoche in Galizien war inzwischen in die Annalen der Geschichte übergegangen. Es war eine große Epoche. War auch manches an ihr naiv und einseitig, so war sie doch reich an schöpferischen Kräften und von hohem Idealismus getragen. Es war ein Aufblühen der jüdischen Geisteskultur in der polnischen Provinz, und sie hinterließ der jüdischen Literatur unvergängliche Schätze. Die Hascalah konnte sich jedoch in Galizien, wohin sie sich vom gesamt-österreichischen Reiche zurückgezogen hatte, nicht dauernd behaupten. Sie war zu abstrakt und allgemeiner Natur und hatte sich dem spezifischen psychischen Zustand, den Stimmungen der dortigen Judenheit, sowie ihren konkreten sozialen Bedürfnissen zu wenig angepaßt; und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts erfolgte ihrNiedergang und ihr gänzlicherVerfal 1. Von den inzwischen völlig europäisierten westlichen Provinzen waren in Galizien Einflüsse eingedrungen, die nicht dazu angetan waren, das Judentum dort zu stärken. Es entstanden assimilatorische Bestrebungen nach zwei Richtungen hin: einer deutschen und einer polnischen. Die erste wurde von dem von David L. Lewin in Wien 1882 begründeten hebräischen „Zir neemon" („Treuer Bote") vertreten; das Organ der zweiten Richtung war der vom Verein „Agudath Achim" („Brüderbund") in Lemberg hervorgegangene, von 1881—1886 erschienene hebräische „Hamaskir" („Der Mahner") mit der polnischen Beilage „Ojczyzna" („Vaterland)". Also hebräische Blätter zur Propagierung der Assimilation —, und eines davon erstrebte die Assimilation der Juden in Polen mit dem Deutschtum! Als Reaktion gegen die Assimilationsbestrebungen setzte — durch Einflüsse aus Rußland und unter dem Eindruck des Antisemitismus im eigenen Lande — im letzten Viertel des Jahrhunderts die neueste Phase der jüdischen Presse in Österreich ein, die im Zeichen f rneuten Erwachens des jüdischen Bewußtseins steht. Es ist eine Epoche der Gährung, der Aufrüttelung schlummernder Kräfte, die nach Ausdruck und Betätigung ringen, die aber noch keine krystallisierte Form gefunden haben. Licht und Schatten wirken nebeneinander, teils miteinander. Neben Erscheinungen der Renaissance altmodische, kurios anmutende Erzeugnisse. Neben aufstrebenden Willensäußerungen Zeichen geistiger Armut und intellektueller Ohnmacht. Die galizische Judenheit zeigt seit einem Menschenalter das Bild eines aufnahmewilligen Geisteskonsumenten, der aber sehr wenig Produzent ist. Die literarischen Produktionen anderer Länder — besonders Rußlands — finden dort ein gutes Absatzgebiet; dagegen zeigt die dortige Literatur keine eigene Schöpferkraft. Die wenig zahlreichen bedeutenden Schriftsteller aus Galizien produzieren auch meistens

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