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Ost und West · 1907-07-01 · Heft 7 (Juli 1907) · p. Seite 427 - 428

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 7 (Juli 1907)
Article
Jakob Feudenthal
Date
1907-07-01
Page
Seite 427 - 428 (sequence 2)
Language
German
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427 Bernhard Münz: Jakob Freudenthal. 428 Mitglieder in nahen Beziehungen zu Spinoza gestanden hatten, war ziemlich fruchtlos, „weil, wie es scheint, nahezu alle auf Spinoza bezüglichen Schriftstücke als Zeugnisse eines verdächtigen Verkehrs mit dem verschrienen Ketzer bald nach seinem Tode vernichtet worden sind.'* Im Einklänge mit dieser Vermutung befindet sich die uns in Stolle-Halmanns Reisebeschreibung aus dem Jahre 1704 begegnende Aeusserung des Verlegers ßieuwerts, „in denen Epistolis Spinosae wären einige Personennamen, die man suspect machen wollte, ausgelassen und dafür nur Striche gesetzt worden." Immerhin müssen wir dankbar anerkennen, dass Freudenthal eine feste Grundlage für die noch unsicher schwankende, von der Parteien Hass und Angst entstellte Lebensgeschichte Spinozas gelegt hat; indem er das Verhältnis der wichtigsten Quellenschriften zu einander bestimmte, eine grosse Zahl von nicht belanglosen Schriftstücken, die bisher im Staube holländischer und deutscher Archive und Bibliotheken schlummerten, zu neuem Leben weckte, nach ihrer Zeitfolge ordnete, auf ihren Wert prüfte, durch Anmerkungen erläuterte und der allgemeinen Benutzung und Verarbeitung zugänglich machte. Dornig war der Lebensweg Spinozas. Seine Glaubensbrüder schlössen ihn wegen „schwerer Irrlehren" aus ihrer Gemeinschaft aus. Aber auch die kirchlichen Behörden der wegen ihrer Glaubens- und Denkfreiheit viel gerühmten Niederlande inszenierten gegen ihn und seine Schriften einen förmlichen Kreuzzug, wie aus einer langen Eeihe von Urkunden erhellt, deren bei weitem grösster Teil von Freudenthal zum erstenmal veröffentlicht wurde. Treffend bemerkt unser Forscher, dass die Zustände, aus denen die Massnahmen der Geistlichen und dann die Verordnungen der Staatsbehörden hervorgegangen sind, den dunklen Hintergrund des Lebens und der Werke Spinozas bilden. Die Kenntnis dieser Dinge lehre, dass es nicht bloss die von der machtlosen jüdischen Gemeinde Amsterdams über ihn verhängte Exkommunikation war, die sein Leben verbitterte, sondern dass er unter dem Drucke drohender Verfolgung seit 1665 fortwährend gelitten bat. Man begreife jetzt, warum er ein Oaute auf seinen Siegelring eingraben liess. Man sehe, dass er aus gutem Grunde seinen Freund Jarig Jelles ersuchte, den Druck der holländischen Uebersetzung des theologisch-politischen Traktates Jakob Freudenthal zu verhindern. Man werde es nicht mehr verwunderlich finden, dass er die Veröffentlichung der Ethik im Jahre 1675 unterliess, weil Theologen und Descartes ergebene Philosophen das Volk gegen ihn erregten. Man werde es nicht mehr als Zeichen grundloser Furcht oder unmännlicher Feigheit betrachten, wenn er im theologisch-politischen Traktate äusserst vorsichtig auftrat und das Neue Testament überhaupt nicht zum Gegenstand seiner Kritik machte. Es ist eine feinsinnige Bemerkung, dass Spinoza keiner jener kampflustigen Federhelden ist, wie sie die Zeit der Renaissance und der Reformation in grosser Zahl erzeugt hat, — keiner jener Männer, die den Kampf um des Kampfes willen suchten und einer Welt von Feinden entgegenzutreten sich nicht scheuten, wenn es galt, dem Rechte und der Wahrheit oder dem, was sie dafür hielten, zum Siege zu verhelfen. Er hat neben anderen ausgezeichneten Eigenschaften auch ein tiefes Friedensbedürfnis von seinen Vorfahren geerbt. Das waren nicht streitlustige Krieger, sondern unglückselige Dulder, die wegen ihrer Religion und ihrer Rasse unterdrückt und gehetzt, resigniert hinnehmen mussten, was das Geschick über sie verhängte. Der Vergewaltigung mit Gewaltmitteln zu begegnen, konnte ihnen nicht in den Sinn kommen; denn sie bildeten eine verschwindend kleine Minderheit, die einer erdrückenden Uebermacht gegenüberstand. So verloren sie die Wehrhaftigkeit und den Kampfesmut alter Zeiten. Der Enkel dieser nur im Leiden, nicht im Kämpfen heldenhaften Männer ist Spinoza. „Vor Streitigkeiten schaudere ich zurück", sagte er einmal. Durch seine Quellenforschungen wie durch seine gründliche Kenntnis der Geschichte der Juden und der jüdischen Religionsphilosophie war der zu früh heimgegaugene Gelehrte wie kaum ein anderer berufen, die mustergiltige und nicht zu überbietende Biographie Spinozas zu schreiben, deren erster Band im Jahre 1904 erschien und alle bisherigen Lebensbeschreibungen Spinozas weit hinter sich lässt. Er war in der glücklichen Lage, uns neue Gesichtspunkte zu eröffnen, die seinen Vorgängern wegen Mangels an diesen Kenntnissen entgehen mussten, Etappen seines Entwicklungsganges, die von ihnen übersehen oder unterschätzt würden, in die richtige Beleuchtung zu rücken. AUS VERGILBTEN PAPIEREN. Von Prof. A. Berliner. II.*) Am Schlüsse des ersten Artikels habe ich versprochen, eine richtige Darstellung über die Leidenszeit der römischen Juden während des Kar- *) S. Heft 10/LI des vorigen Jahrganges. Nachdruck verboten. nevais auf Grund historischer Dokumente folgen zu lassen, um hierbei zugleich auch manches, was geschichtlich nicht haltbar ist, sich aber allgemein eingebürgert hat, auf Grund archivalischer Forschungen zurückzuweisen.

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