Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1907-06-01 · Heft 6 (Juni 1907) · p. Seite 419 - 420

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 6 (Juni 1907)
Article
Russische Versuche in Bulgarien
Date
1907-06-01
Page
Seite 419 - 420 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583954-2583961-2588740--07278-2588806
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

419 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Russische Versuche in Bulgarien. 420 Doch die Untersuchung ergab, daß an dem in Rede stehenden Tage kein einziger Polizist in einer solchen oder ähnlichen Angelegenheit zu intervenieren Anlaß gehabt hatte. Nun könnte man freilich vermuten, daß die kleine Helene Soldaten als Polizisten angesehen hat. Man fragte sie deshalb: „Haben die Personen, die dich aus den Händen der Verbrecher retteten, lange Säbel getragen wie diesen?" Dabei zeigte der Präfektursekretär der kleinen Helene den Säbel eines Polizisten. „Oder waren die Säbel kurz wie dieser?" fuhr er fort, indem er dem Kind den Säbel eines Soldaten zeigte. — „Ja, ja, wie dieser", meinte Helene. Auch über die Uniform der angeblichen Polizisten äußerte sich das kleine Mädchen in Widersprüchen. Unter allen Umständen ist es wenig wahrscheinlich, daß eine Generalstochter, selbst eine junge, die Uniform eines Polizisten von der eines Soldaten nicht zu unterscheiden weiß. Übrigens vermochte die Polizeipräfektur nicht zu ermitteln, daß irgendein Soldat bei der Rettung des kleinen Mädchens mitgewirkt habe. — Bleibt noch die Person, die das Kind nach Hause gebracht hat. Auch diese ist unfindbar. Niemand kann sagen, weshalb sie sich nicht meldet, da sie doch alles Interesse hat, sich zu zeigen und zum mindesten die Danksagungen der Familie des geretteten Kindes entgegenzunehmen. Mittlerweile hat die Polizei 30 israelitische Altkleiderhändler verhaftet. Einige von ihnen wurden nach kurzem Befragen wieder entlassen, die anderen wurden an der kleinen Helene vorbeigeführt. Diese bezeichnete auch zwei als ihre Entführer. Die Polizei hielt die beiden fest und stellte Erhebungen an. Ein Mitarbeiter der „Balkanska Tribuna" hat mit dem Polizeipräfekten von Sofia über die Angelegenheit eine Unterredung gehabt, von der er in seinem Journal folgendes berichtet: Möchten Sie die Güte haben, Herr Präfekt, uns einige Aufklärungen über den Raub der Tochter des General Veltschew zu geben? — Mit Vergnügen. Aber welche Aufklärungen? Ist denn irgendetwas an den Zeitungsnachrichten von gestern wahr? Wahr ist, daß die Tochter des Generals Veltschew entführt worden ist, daß sie behauptet, Juden hätten sie entführt, daß ihre Schulgefährtin, die kleine Tolew, die Aussagen der Helene Veltschew bestätigt, und daß wir im Vertrauen auf diese Versicherungen mehrere Israeliten verhaftet haben, unter denen die beiden Mädchen ihre Räuber zu erkennen behaupten; wahr ist endlich, daß die kleine Helene erzählt, zwei Polizisten oder zwei Soldaten hätten sie entführt, und eine dritte, nicht uniformierte Person habe sie nach Hause gebracht. Doch von allem dem ist nichts mit Sicherheit festgestellt. Eine genaue Untersuchung hat ergeben, daß weder Polizisten noch Soldaten ein Kind aus den Händen von Räubern zu befreien Gelegenheit hatten. Auch will sich seltsamerweise die Zivilperson nicht zeigen. — Ein einziger Umstand wirft eine Art Verdacht auf einen der Arretierten. Von diesem sagten nämlich die Mädchen: „Der ist es, aber er trug einen hellen Rock." Einen solchen Rock hat man nun wirklich bei ihm gefunden. Man ließ den Verhafteten den Rock anziehen, und die- Mädchen wiederholten: „Der ist es, der ist es." — Kann man alles glauben, was die Mädchen sagen? — Nein, gewiß nicht. Mädchen von 7—8 Jahren können keine klaren und genauen Angaben machen. Auch verwickeln sie sich in Widersprüche. Es ist das reine Kindergeschwätz. — Wie fassen Sie die ganze Geschichte auf? — Das ganze ist eine Mystifikation, angestellt, um Unruhen gegen die Israeliten hervorzurufen. Darum hat man eben eine Generalstochter dazu genommen. Hätte man dasselbe mit der Tochter irgend eines armen Teufels getan, so wäre die Wirkung nicht die nämliche gewesen. Elende Auswürflinge haben das Stückchen angerichtet, um die Bevölkerung gegen die Juden aufzubringen. Das ist der ganze Kern der Geschichte. Tatsächlich wurden die beiden verhafteten Israeliten entlassen, ohne daß man Kautionen von ihnen verlangte. Man fing auch schon an, die Angelegenheit lächerlich zu finden. General Veltschew aber beklagte sich bei dem Präsidenten des Konseils über die Art, wie die Polizei die Untersuchung geführt habe, und über die Rechtsverweigerung, die man ihm habe zuteil werden lassen. Auf Grund dieser Beschwerde wurden die beiden Unglücklichen aufs neue^verhaftet. Dem Verlangen des Generals Veltschew gemäß ist ein anderer Untersuchungsrichter mit der Angelegenheit des Raubes der kleinen Helene beauftragt worden. Am 9. Mai in aller Frühe vernahm er die beiden Verdächtigten Aguadisch und Semo, die danach in Haft bleiben mußten und am Nachmittag aus dem Polizeikommissariat nach dem Zentralgefängnis übergeführt wurden. Da hier kein Platz war, brachte man sie später in das Spezialgefängnis für die eines Mordes Beschuldigten. Natürlich haben die Zeitungen sich aufs neue der Angelegenheit bemächtigt und veröffentlichen allerhand Deklamationen über die Notwendigkeit, volles Licht in die Affäre zu bringen, unbedingte Aufklärung zu schaffen. Es fehlt dabei nicht an Versicherungen, daß man den Beschuldigten Genugtuung gewähren müsse, wenn sie nicht schuldig seien, daß man, wenn eine Mystifikation vorliege, die Urheber der Mystifikation zu strenger Verantwortung ziehen müsse. Das alles sei nötig, um die aufgeregten Gemüter in der Hauptstadt und in der Provinz zu beruhigen. Ueberflüssig zu sagen, daß unsere Glaubensgenossen alle den Wunsch nach voller Aufklärung durchaus teilen. Sie sind auch überzeugt, daß die Regierung nur zu wollen braucht, um diese volle Aufklärung zu schaffen. Wer mit Unbefangenheit die ganze Erzählung — was die Kinder vorgebracht haben und was die Polizei ermittelt hat — beurteilt, der muß zu dem Ergebnis kommen, daß nur zwei Möglichkeiten vorhanden sind: Entweder haben, wie der Polizeipräfekt annimmt, gewissenlose Menschen das ganze Schauspiel der Entführung und der angeblichen Befreiung inszeniert, um nach russischem Muster eine Judenhetze herbeizuführen. Oder es bleibt die andere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.