Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Das rumänische Hilfswerk
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 407 - 408 (sequence 1)
- Language
- German
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407 408 MITTEILUNGEN AUS DEM DEUTSCHEN BUREAU ZZJ DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE. CZZ I (Berlin N. 24, Oranienburgerstr. 42/43 1). J DAS RUMAENISCHE HILFSWERK. An der Lage in Rumänien hat sich bedauerlicherweise nicht viel geändert. Zwar die Unruhen mit ihren groben Ausschreitungen haben aufgehört. Aber die weit gröblicheren Ausschreitungen der Regierung dauern fort. Das Ministerium Sturdza- Bratianu bleibt der Politik treu, die nicht die Politik einer einzelnen Partei, sondern die rumänische Politik ist. Was immer im rumänischen Staate sich ereignen mag, das dient zum Vorwand für eine neue vexatorische Handhabung der Gesetze gegenüber der jüdischen Bevölkerung. So von Grund aus verderbt und verrottet ist das ganze politische Leben in Rumänien, so völlig verkehrt sind alle Begriffe von Recht und Gerechtigkeit, dass sogar die Opfer der rumänischen Justizverhöhnung bereits zufrieden sind, wenn diese Justizverhöhnung nur keine neue Form annimmt, keine neuen Schleich- und Umwege einschlägt. Ein aller Menschlichkeit Hohn sprechendes Gesetz macht in einem grossem Teil Rumäniens für die jüdische Bevölkerung die Erlaubnis zur Niederlassung in ländlichen Gemeinden von einer Unzahl Bedingungen abhängig, die nur sehr schwer zu erfüllen sind. Hat aber hier und da ein jüdischen Rumäne durch keine Verleumdung und keine Gewalt von der Erlangung der Niederlassungserlaubnis abgeschnitten werden können, so weiss der bojarische Witz, der nach dieser Richtung unerschöpflich ist, immer wieder neue Mittel zu finden, den Armen um sein Heimatsrecht zu bringen. Ist es doch vorgekommen, dass jüdische Männer zur Bekämpfung des jüngsten Bauernaufstandes unter die Fahnen gerufen wurden und noch unter den Fahnen erfahren mussten, sie seien ihres Niederlassungsrechtes verlustig gegangen, weil sie ihren Wohnsttz „aufgegeben" hätten! Sie hatten ihn aufgegeben, um mit der Waffe in der Hand die Bojaren gegen die Bauern zu schützen. In anderen Bezirken haben antisemitische Barbaren im Präfektenamt. das Mittel ersonnen, ein schwer erkämpftes Niederlassungsrecht zunichte zu machen dadurch, dass sie die Bauern der betreffenden Gemeinden erklären Hessen: der jüdische Mann verkaufe ihnen seine Waren zu teuer und bezahle ihnen ihre Waren zu billig. Das Verstösse gegen die guten Sitten, der jüdische Kaufmann sei somit kein ehrsamer Kaufmann mehr und erfülle nicht länger die Bedingungen, unter denen er in die Landgemeinde zugelassen wurde! Die Rumänen lieben es, sich die Franzosen des Ostens zu nennen. Das ist eine freche Beleidigung der Franzosen, gegen die die französische Presse laut und einmütig Protest erheben sollte! Das Hilfswerk lür unsere bedrängten Glaubensgenossen in Rumänien ist nach dem Antrag der Nachdruck verboten. Alliance Israelite Universelle unserem Schwesterinstitut, der Israelitischen Allianz in Wien, übertragen worden. Das ist von vornherein in Absicht gewesen, schon weil Oesterreich das Nachbarland des rumänischen Verfolgungsbezirkes ist, sodann weil auch sonstige österreichische Interessen vorzugsweise in Rumänien engagiert sind. Es ist niemals ein Zweifel gewesen, dass diese Ordnung der Dinge die beste sein würde, sie lag in den Verhältnissen und zwang sich beinahe auf. Neben den eigenen Vertrauensmännern und Beamten stehen der Israelitischen Allianz in Wien die der Alliance Israelite Universelle und der Jewish Colonisation Association zur Verfügung, die mit den rumänischen Verhältnissen und Personen genau vertraut sind. Am 5. Mai kamen Vertreter der Alliance Israelite- Universelle, der Deutschen Conferenz- Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle, des Frankfurter Hilfscomites für die osteuropäischen Juden, — des Hilfsvereins der deutschen Juden und der Israelitischen Allianz in Wien zu einer Besprechung zusammen, in der die vorher tatsächlich bereits beschlossenen Massnahmen bestätigt und ausserdem die Summen bezeichnet wurden, die man für das rumänische Hilfswerk zunächst zur Verfügung stellen wollte. Auch Vertreter der rumänischen Lokal-Comites sowie die Vertrauensmänner der Alliance Israelite Universelle und der Jewish Colonisation Association in Rumänien waren zur Besprechung zugezogen worden, die unter dem Vorsitz des Herrn Ritters von Gutmann, Vorstehers der Israelitischen Allianz, viele Stunden währte. Es wurde mitgeteilt und mit allgemeiner Freude aufgenommen, was unsere Leser bereits aus dem vorigen Heft wissen, dass die I. C. A. sich entschlossen hat, die Organisation und Leitung des rumänischen Auswanderungswerkes ganz allein in die Hand zu nehmen und auch die Kosten allein zu bestreiten. Mit grosser Befriedigung wurde die Mitteilung entgegengenommen, dass die frühere rumänische Auswanderung nach Amerika den erhebendsten Beweis für ihr glückliches Gelingen und ihren guten Erfolg gegeben hat, indem Rumänen, die in Amerika eine neue Heimat gefunden, für ihre in N der Heimat heimgesuchten Brüder stattliche Beiträge, 8U00U Fs., geschickt hatten. Man erfuhr ferner, dass die wohlhabenden rumänischen Israeliten, trotz der schweren Verluste, denen sie selbst ausgesetzt gewesen, sich beeilt hatten, freiwillig neue Opfer auf sich zu nehmen, um den Aermeren beizustehen. In den Kassen der lokalen Hilfscomit6s waren von diesen Geldern ausser den oben erwähnten 80000 Frs. noch 25000 Frs. vorhanden. Der Israelitischen Allianz in Wien wurden insgesamt