Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Kleinere jüdische Sprachgebiete
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 361 - 362 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583954-2583961-2588722--07220-2588777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
361 Dr. S. Bernfeld: Kleinere jüdische Sprachgebiete. 362 den grössten Einfluss aus. In der arabischen Urschrift hätte Maimonidas „Führer der Irrenden" niemals eine epochemachende Bedeutung erlangt. Es liegen noch jetzt handschriftlich viele jüdischarabische Bücher in den Bibliotheken, die hin und wieder ans Tageslicht gezogen werden, aber immer nur für Gelehrte und Forscher Geltung haben. Es kommt auch garnicht darauf an, dass solche Bücher jetzt nach Jahrhunderten verbreitet werden, da sie für unsere Zeit nicht mehr passen. Selbst das grosse Buch des Maimonides hat ja nur dadurch soviel gewirkt, dass es vor Jahrhunderten in das Volk drang und die denkfähigen Köpfe im Ghetto mit philosophischen Fragen beschäftigte. Wäre es nicht rechtzeitig hebräisch übersetzt, in der Folge eifrig besprochen, kommentiert, widerlegt, angegriffen und verteitigt worden, so würde es wirkungslos geblieben sein. Auch in der neueren Zeit wiederholt sich diese Erscheinung. Noch vor 50 Jahren war die deutsche Sprache die einzige, in der eine wissenschaftliche jüdische Literatur vorhanden war. Fast alle Juden des Abendlandes, und nur diese hatten den Anschluss an die moderne Kultur gefunden, verstanden diese Sprache, die für die Juden eine Art internationale Sprache war. Nach und nach entfremdeten sich Teile der abendländischen Judenheit der deutschen Sprache. Es gibt jetzt Juden in Russland, Ungarn, England, Frankreich, Italien und in den skandinavischen Ländern, die kein Wort deutsch verstehen. Und da auch das Hebräische den breiten Massen des Volkes in keinem Lande vertraut genug ist, so entstehen jetzt verschiedene jüdische Literaturen in den Landessprachen. Vor allem konnte sich eine jüdisch-englische Literatur bilden, weil an ihr nicht nur die englischen, sondern auch die amerikanischen Juden teilnahmen. Und in der Tat sieht es auf diesem jüdischen Sprachgebiete am hoffnungsvollsten aus. Auch in Bussland wird wahrscheinlich im Laufe der Zeit eine umfangreiche und gediegene jüdische Literatur entstehen, da die Zahl der Juden in diesem Lande gross ist. Viel ungünstiger hingegen sieht es in anderen europäischen Ländern aus, wo zwar jüdische Zeitungen und hin und wieder auch jüdische Bücher erscheinen, aber kaum etwas Originelles hervorgebracht wird. Ueberall muss man jedenfalls von vorn beginnen, als ob der jüdische Geist dazu verurteilt wäre, immer das bereits Gelernte nochmals zu lernen. Immerhin* kann man in solchen Ländern, wo die Juden eine beträchtliche Zahl bilden und auch die christliche Welt einigermassen Interesse für die Kenntnis des Judentums bekundet, hoffen, dass da eine Literatur entstehen wird. Sehr schlimm sieht es aber in den ganz kleinen Sprachgebieten aus, die sich in der letzten Zeit gebildet haben oder in der Bildung begriffen sind. ]n Serbien z. B. erreicht die Zahl der Juden nicht 10000. Als ich dort noch lebte, sprach die jüdische Bevölkerung nehen dem Serbischen, das sie allerdings nur mangelhaft beherrschte, die jüdisch-spanische Mundart, durch die sie mit der ganzen Judenheit im Orient kulturell verbunden war. In dieser Sprache wurde der Religionsunterricht und d»T biblische Unterricht erteilt, in diese Sprache wurden die Gebete übersetzt. Wenn auch die jüdisch-spanische Sprache keine wissenschaftliche Literatur aufzuweisen hat, wie etwa die deutsche oder die englische, so ist doch in ihr ein volkstümliches jüdisches Schrifttum enthalten. Es gibt gute Bibelübersetzungen, und auch die G-ebete, die Mischnah, die Agadah sind iu diese Sprache übertragen. Für die reifere Jugend und für die Volksmassen ist immerhin eine reichhaltige Lektüre vor .anden. Noch grösseres Gewicht lege ich sojrar auf die Volkspoesie dieser Sprache, auf die vielen schönen Lieder, die in den jüdischen Familien an den Feiertagen, anf Hochzeilen und bei Tranerfällen gesungen werden. Es liegt in ihnen ein Stück Judentum, das gewiss erhalten und gepflegt zu werden verdient. Nun denke man sich, dass man in den letzten Jahren in der serbischen Judenheit dazu schreiten musste, die jüdisch-spanische Mundart aus Familie und Schule zu verbannen. In serbischer Sprache giebt es aber kein jüdisches Buch. Die biblischen Schriften sind nur iu der schlechten Uebersetzung, die von der bekannten Bibelgesellschaft herausgegeben, wird, vorhanden; die Gebete und andere jüdische Bücher sind ins Serbische nicht übersetzt, und für die kleine Zahl der serbischen Juden werden solche Uebersetzungen wohl niemals angefertigt werden. Es gibt kein einziges jüdischserbisches Volkslied, und es wird auch ein solches in absehbarer Zeit nicht entstehen. Da die serbischen Juden von der jüdischen Gesamtheit oder von einem ihrer grossen Aeste abgesplittert sind, so steht leider zu befürchten, dass sie schon in der nächsten Generation unserm Volke verloren gehen. Jedenfalls wird ihre religiöse Ausbildung in bedauerlicher Weise zurückbleiben. In derselben Gefahr befinden sich auch die Juden in Kroatien und Slavonien, in Bulgarien, Griechenland und einem Teil von Rumänien. Mit der fortschreitenden Nationalisierung dieser Länder wird dort immer mehr die Zukunft des Judentums bedroht. Dieser Erscheinung sollte die Alliance, die doch für die Judenerziehung der dortigen Juden soviel Mittel aufbringt, piosse Aufmerksamkeit zuwenden. Leicht lässt sich da nicht Abhilfe schaffen. Aber wenn man sieht, mit welcher grossen Liebe und mit welchem Eifer die britische Bibelgesellschaft für die Verbreitung der heiligen Schrift in den entlegensten Sprachgebieten sorgt, so glaube ich, dass auch wir nicht untätig bleiben dürfen, wenn in Ländern, die ehemals berühmte Pflegestätten des Judentums wraven, das Judentum allmählich abstirbt. Diesem Vernichtungsprozess könnte man vielleicht Einhalt tun, wenn man mit Unterstützung von aussen statt der jüdischen Literatur in der früheren Sprache mindestens d»s Allenmtwendigste in der neuen schafft Uebcrhaupt scheint mir, dass bei uns vieles verloren geht, was bei regerem Eifer zum grössten Teil erhalten werden könnte.