Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1907)
- Article
- Eine Erinnerung
- Date
- 1907-06-01
- Page
- Seite 359 - 360 (sequence 2)
- Language
- German
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359 Eine Erinnerung. 360 daß es Allerhöchstderselben gefallen möge, der bei dem Fürsten des rumänischen Volkes, einem Gliede des erlauchten preußischen Königstammes, geschehenen Verwendung den möglichsten Nachdruck zu geben, um die Sanktionierung eines unmenschlichen Gesetzes abzuwehren und dem gegen unsere Glaubensbrüder versuchten Vernichtungskampfe endlich ein Ziel zu setzen. In tiefster Ehrfurcht usw. Berlin, den 6. April 1868." Auf diese Immediat-Vorstellung ist folgende Antwort ergangen: „Se. Majestät haben mich beauftragt, die Immediateingabe des Vorstandes der jüdischen Gemeinde vom 6. d. M. zu beantworten, worin derselbe die Allerhöchste Verwendung Sr. Majestät gegen die Durchführung eines bei der rumänischen Volksvertretung eingebrachten, die Stellung der Israeliten betreffenden Gesetzentwurfes nachgesucht hat. Infolgedessen benachrichtige ich den Vorstand der jüdischen Gemeinde ergebenst, daß ich auf Allerhöchsten Befehl schon nach Eingang der ersten Nachricht über jenen Gesetzentwurf auf telegraphischem Wege Erkundigungen in Bukarest eingezogen hatte. Hierauf ist mir aus sicherster Quelle die Mitteilung zugegangen, daß der gedachte Gesetzentwurf gegen den Willen des Fürsten Karl eingebracht worden ist, daß dessen Annahme nicht zu erwarten stehe, und wenn sie dennoch erfolgte, die Sanktionierung des Gesetzes seitens der fürstlichen Regierung nicht stattfinden werde. Wenn somit in dieser Beziehung für den Vorstand der jüdischen Gemeinde keine Veranlassung zur Beunruhigung vorhanden ist, so hat die Königliche Regierung auch nicht unterlassen, jetzt ebenso, wie es bereits bei früherem Anlasse geschehen, infolge der in neuester Zeit verbreiteten Nachrichten über angebliche Judenverfolgungen in der Moldau, in Bukarest Vorstellungen machen zu lassen, und es ist uns hierauf die Zusicherung erteilt worden, daß Maßregeln getroffen seien, um jede etwaige Beunruhigung der israelitischen Glaubensgenossen zu verhindern. Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, gez. Graf v. Bismarck/' Graf Bismarck, Kanzler des Norddeutschen Bundes, hat freilich noch lange genug gelebt, um seine Politik Rumänien gegenüber zu ändern und die Folgen diesfep- Aenderung zu sehen. Wir sind davon überzeugt, dass Vielen, sehr Vielen, die Politik des Gfrafen Bismarek Rumänien gegenüber vor der sogenannten Sanierung der rumänischen Eisenbahnen besser, viel besser gefallen wird, als die Politik des Fürsten Bismarck, die dieser Sanierung folgte. KLEINERE JUEDISCHE SPRACHGEBIETE. Von Dr. S. Bernfeld, Seit über zwei Jahrtausenden ist die Erscheinung zu beobachten, dass überall, wo sich Juden in einer grösseren Zahl niederlassen, im Laufe der Zeit eine jüdische Literatur in der Landessprache entsteht. Die Juden landen stets und überall etwas vor, was ihren Geist auregte und dazu bewog, sich darüber zu äussern, Sie konnten das, was ihr Inneres beschäftigte, niemals für sich behalten, und so entstand ein Gedankenaustausch, ein teils nationales und teils kosmopolitisches Schrifttum. Die Juden liebten zu reflektieren, ihre Anschauungen über alles, was in ihrer Umgebung vorging, schriftlich niederzulegen, zu polemisieren, die Wahrheit des Judentums zu verteidigen und dessen Vorzüge gegen andere Religonen hervorzuheben. Es entstanden auch mitunter grosse, ernste Bücher, die Epoche machten. Jedenfalls rastete der jüdische Geist niemals. Infolge dieser Vielsprachigkeit des Judentums ist auch ein grosser Missstand eingetreten. Das jüdische Volk war genötigt, oft eine Arbeit wieder aufzunehmen, die bereits in früherer Zeit geleistet worden war. Die Uebersetzungsliteratur spielt in seinem geistigen Leben eine grosse Rolle. Häufig kam es vor, dass eine grosse literarische Epoche schon kurz nach ihrem Abschluss in Vergessenheit geriet. Es sah aus, als ob Jahrhunderte hindurch Nachdruck verboten. vergeblich gearbeitet worden wäre. Von der grossen alexandrinischen Epoche beispielsweise blieben dem jüdischen Volke im ganzen nur die griechische Bibelübersetzung: und die Schriften Philos zurück. Es sind dies zweifellos schriftliche Denkmäler von höchstem Wert. So viele Irrtümer wir auch in der griechischen Bibelübersetzung finden, so kann doch nicht bestritten werden, dass sie für die Erforschung des biblischen Schrifttums von der grössten Wichtigkeit ist. Und ebenso bieten die Schriften Philos eine Fülle anregender Gedanken über das Judentum und über die Bedeutung des jüdischen Volkes Aber im Laufe der Jahrhunderte sind diese literarischen Erzeugnisse, die der jüdische Geist in einem Zeitalter der höchsten Kulturentwicklung geschaffen hat, uns fremd geworden. Und selbst als man später zu ihnen zurückkehrte, bildeten diese Schriften nur den Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung, dem Volke gehören sie nicht mehr an. Höchstens, dass sie ihm auf Umwegen bekannt werden. Auch mit der grossen jüdisch-arabischen Literaturepoche ist es nicht besser gegangen. Nur solche Schriften, die rechtzeitig ins Hebräische übertragen wurden, haben ihren Platz in der jüdischen Literaturgeschichte erhalten, und zum Teil übten sie auf die Entwicklung des Judentums