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Ost und West · 1907-05-01 · Heft 5 (Mai 1907) · p. Seite 327 - 328

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 5 (Mai 1907)
Article
Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
Date
1907-05-01
Page
Seite 327 - 328 (sequence 2)
Language
German
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327 Bar-ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 328 einer anderen Richtung, wie es der alte König anbefohlen hatte. Ein Jahr lansr Hessen die vier Prinzen nichts von sich hören, und den alten Vater fing es schon an zu gereuen, dass er seine Kinder so in die Fremde hinausgejagt hatte, denn er dachte hei sich, Gott weiss was ihnen widerfahren sein kann. Aber gerade als der Tag ihres Abschiedes sich jährte, treffen sie alle vier, jeder aus einer anderen Weltgregend kommend, im Vaterhause ein. Nun könnt ihr euch ja selber die Freude des alten Königs ausmalen, als er wieder die Kinder um sich beisammen hatte; er fing an, sie auszufragen, wie es ihnen ergangen war all die lange Zeit. Der älteste trat vor und erzählte, was ihm passiert war: „Ich wanderte und wanderte lange Zeit, kam durch viele Städte und Länder und es passierte mir nichts besonderes. Endlich traf ich eine Stadt, die soeben abgebrannt war, die Menschen jammerten und klagten, dass sie alles verloren hatten und wussten nicht, was sie anfangen sollten. Da gab ich ihnen alle meine Schätze hin, und da ich ein Baumeister bin" — ihr müsst nähmlich wissen, dass ein jeder Sohn des Königs immer irgend ein Handwerk erlernen rnuss, um sich in der äussersten Not, wenn er sein Reich verliert, redlich ernähren zu können; und dann versteht er dadurch, wie es unter gewissen Leuten zugeht, versteht ihre Sorgen und was sie alles anstellen müssen, um leben zu können; daher wird er nicht hochmütig und weiss, wie er die Leute zu richten hat, wenn sie zu ihm kommen. Der älteste war also Baumeister, er gab den Abgebrannten all sein Gold und seine Edelsteine und ba,ute ihnen die Stadt wieder auf. Dann wollten sie ihn noch zum König aufnehmen und baten und flehten ihn an, er solle bei ihnen bleiben. Aber er wollte just sein väterliches Reich erben, daher widerstand er ihren Bitten und eilte nach Hause, um zum richtigen Termine einzutreffen. So erzählte der älteste Sohn, der Vater aber sprach: „Das hast du gut gemacht, mein Sohn. Nun wollen wir hören, wie es deinen Brüdern ergangen ist." Der Zweitälteste Sohn trat vor und erzählte: „Ich wanderte und wanderte lange Zeit, kam durch verschiedene Städte und Länder und mir war nichts besonderes passiert. Endlich gelang es mir, meinen ärgsten Feind zu besiegen. Einmal kam ich nämlich in eine ferne Stadt, da herrschte grosser Jubel. Ich fragte, wras da los wäre, und man erklärte mir, heute solle der neue König gekrönt werden. Ich fragte: Wie heisst denn euer König? Da nannte man mir den Namen meines ärgsten Feindes, der .mir das Schlimmste in der Welt zugefügt hatte. Ich fing an, den Leuten zuzureden: Solch1 einen König habt Ihr bekommen? Der ist ja garnicht würdig, König zu sein, und noch dergleichen mehr, sagte ich, was endlich dem neugewählten König zu Ohren kam. Er liess mich rufen und stellte mich zur Rede, ich aber forderte ihn zum Zweikampfe heraus, besiegte ihn und so musste er beschämt das Feld räumen, gerade an dem Tage, der sein Freudentag werden sollte. Die Bewohner der Stadt wollten mich als König aufnehmen, aber ich wollte das Reich meines Vaters erben, daher beeilte ich mich, um richtig zum Termin anzulangen." „Und was habt Ihr vollbracht?" sagte der König zu seinen beiden jüngsten Söhnen. Der dritte trat vor und sagte: „Mein Herr Vater und König, mir ist leider während der ganzen Wanderschaft nichts passiert, wo ich Gelegenheit gehabt hätte, meine Kraft zu betätigen und eine Sieges tat zu vollbringen. Ich bringe nichts, ich komme, wie ich gegangen bin." Doch die Anderen fingen an, ihm zuzureden, er möge nur alles erzählen, was ihm passiert wäre, auch das kleinste Ereignis solle er nicht verschweigen, dann werde man schon sehen. Der Dritte besann sich eine Zeit lang und schliesslich erzählte er folgendes: „Einmai tührte mich mein Weg an einem tieten Wasser vorbei. Ich sah hin und bemerkte, dass dicht am Ufer ein Mensch schlief. Das Ufer war steil, und der Schlafende brauchte sich nur umzuwenden, um hineinzufallen, dann war er unrettbar verloren, denn dort war das Wasser gerade am tiefsten. Ich eilte hinzu, und ihr könnt euch leicht meine Ueberraschung ausmalen, als ich sah, dass der Schlafende mein ärgster Feind war, der mir das Schlimmste in der Welt zugefügt hatte. Der Jezer hara1) flüsterte mir zu, ich solle nur ruhig meines Weges gehen und den Schlafenden schlafen lassen. Das dauerte eine Weile, dann besann ich mich, packte den Schlafenden beim Kragen und schleppte ihn rasch fort, dann eilte ich von dannen, um nicht erkannt zu werden. Das ist alles." Der alte König aber sprach: „Du hast Grösseres vollbracht als Deine beiden älteren Brüder, mein Sohn. Es steht ja geschrieben,2) man solle auch des Feindes Esel oder Ochsen beistehen, wenn er unter der schweren Last keucht, um wieviel mehr dem Feinde selber, und erst, wenn es um sein Leben geht. Und Du, mein jüngster Sohn, was hast Du in der Welt vollbracht?" Der jüngste trat vor und hub an: „Als ich durch ein grosses Stück Welt gekommen war, ohne etwas besonderes erlebt zu haben, traf ich einmal in einer fernen Stadt ein, wo grosse Bestürzung unter den Einwohnern herrschte. Ich fragte, was da vorgefallen sei, und man erzählte mir, es sei ein neuer König gewählt worden und heute sollte er gekrönt werden. Bei der Krönung müssten, wie es Brauch ist. Märsche und andere Musikstücke gespielt werden. Nun sei der Kapellmeister plötzlich erkrankt und die Krönung könne an dem bestimmten Tage nicht stattfinden, was für den König ein böses Vorzeichen sei. Ich fragte, wie der König heisse, und man nannte mir den Namen meines ärgsten Feindes, der mir das Schlimmste in der Welt zugefügt hatte. Als ich das hörte, meldete ich mich beim Adjutanten des Königs, da ich mich erinnerte, dass ich ja Musikant bin und gut zu spielen verstehe. Man übertrug mir die Kapellmeisterstelle, die Krönungsfeierlichkeiten wurden abgehalten und nachher zog ich rasch von dannen, um nicht erkannt zu werden.u Als der König dies gehört, stieg er vom Throne, küsste seinen jüngsten Sohn auf die Stirn und sagte: „Du,, mein jüngster Sohn, hast die grösste Siegestat unter all Deinen Brüdern vollbracht." Und er setzte ihm die Krone aufs Haupt. Der jüngste bestieg auch wirklich den Thron, erreichte ein hohes Alter und es ging ihm sehr gut. Anmerkung Tn der vorliegenden Fassung hörte ich als Kind dieses Märchen von meinem Grossvater erzählen. Später wurde mir unter anderen unwesentlich von der vorliegenden abweichenden Fassungen besonders eine bekannt, in der der älteste Sohn fehlte. Diese Version scheint mir die ursprünglichere zu sein. Märchenkönige pflegen gewöhnlich höchstens drei Söhne zu haben. Der älteste scheint mir nur den vier Weltgegenden zuliebe erfunden zu sein. Das Märchen dürfte in seinem Kern aus Jndien stammen. Mir wurde eine ähnliche Version aus einem Lehrbuch des Italienischen bekannt, aber der Geist, der in dieser Version herrscht, ist ein völlig verschiedener. 1) Böser Trieb. 2) Gemeint ist Numeri XXIII, 1415.

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