Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1907)
- Article
- Die ostjüdische Presse
- Date
- 1907-05-01
- Page
- Seite 319 - 320 (sequence 2)
- Language
- German
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319 Josef Lin: Die ostjüdische Presse. 320 Generation. Die Eigentümlichkeit dieser Presse war, daß sie in hohem Maße literarischen, zum Teil sogar wissenschaftlichen Charakter trug. So hatten die Mathematik und die Naturwissenschaften einen ständigen Platz in der von Ch. S. Slonimsky begründeten, zuerst in Berlin und dann in Warschau erschienenen hebräischen Wochenschrift „Hazephirah". Wie rege zu jener Zeit das Interesse des hebräischen Lesepublikums für die genannten Wissenschaften war, geht daraus hervor, daß in der erwähnten Zeitschrift selbst der Briefkasten der Redaktion von mathematischen Lehrsätzen und geometrischen Figuren ausgefüllt wurde. Einen mehr literarischen Charakter trug die von Zederbaum in Odessa begründete, dann in Petersburg erschienene hebräische Zeitung „Hameliz", die erst vor ein paar Jahren, nach 44 jährigem Bestehen, eingegangen ist. In dieser Zeitung wiederspiegelte sich die Kulturgeschichte der russischen Judenheit während der letzten Generation. Von hervorragender Bedeutung war auch die vom genialen Publizisten und Romanschriftsteller Peter Smolensky in Wien herausgegebene hebräische Monatsschrift „Haschachar", die während ihres 12 jährigen Bestehens zur Entwicklung und Entfaltung der Renaissance in der Ostjudenheit sehr viel beitrug. Die neuhebräische Presse war im damaligen Stadium eine Aufklärungs- und Kampfespresse. Sie kämpfte nach zwei Fronten: gegen den starren Dogmatismus und Konservatismus einerseits, und gegen die Assimilation der „Abtrünnigen" andererseits. Wie die neuhebräische Literatur überhaupt -in ihrer ersten Epoche eine Kampfesliteratur im angedeuteten Sinne war. Das Künstlerische trat vor der Tendenz zurück. Sowohl Presse wie Literatur waren von einer leidenschaftlichen Begeisterung getragen. Ihre Wirkung war auf einen verhältnismäßig nicht großen Kreis beschränkt, sie war jedoch sehr intensiv. Ihre Leser waren ihre Anhänger, die für sie und mit ihnen kämpften. Die hebräischen Zeitungen führten anfangs ein sehr schweres Dasein und konnten nur durch die größten Anstrengungen und Opfer der Herausgeber und selbst der Schriftsteller existieren. Nicht selten mußte ein Schriftsteller einem Redakteur zu den Kosten für den Abdruck seiner Arbeiten beitragen. Berufsschriftsteller, die von ihrer literarischen Tätigkeit leben konnten, gab es so gut wie gar nicht. Man suchte auch gar nicht materielle Vorteile dabei. Die Literatur war ein „heiliger Tempel", und die Schriftsteller die Priester darin--das hat sich nun geändert. Die ostjüdische Presse hat inzwischen an Ausdehnung sehr viel zugenommen, ihre Wirkung hat jedoch an Intensivität abgenommen. Sie hat sich zum Realismus entwickelt, und nähert sich mehr und mehr dem Wesen der westeuropäischen Presse. Vorangeht die seit einigen Jahren in Petersburg erscheinende jargonische Tageszeitung „Der Fraind", ein ernstes, besonnenes Blatt, das nicht bloß in der jüdischen Masse, sondern auch in weiten Kreisen der Intelligenz beliebt und verbreitet ist. Besonders gut ist sein publizistischer und informativer Teil. Das literarische Element in ihm ist in der letzten Zeit zurückgegangen. Ein gediegenes literarisches Blatt ist die in Wilna seit zwei Jahren erscheinende jargonische Wochenschrift „Das Jüdische Volk", da? Organ der russischen Zionisten. Dort trifft man die Dichter Schneier, Asch, Reisen, Hirschbein, Frug, Perez usw. Dieses Blatt ist jedoch in der jüdischen Masse wenig verbreitet, und nimmt im allgemeinen nicht den ihm nach seiner literarischen Bedeutung gebührenden Platz ein. Es mag daran liegen, daß die zionistische Partei in Rußland, deren Organ es ist, in der letzten Zeit infolge der politischen Unruhe im Lande sehr geschwächt worden ist. Viel verbreiteter sind die in Warschau erscheinenden territorialistischen Jargonblätter, das Tageblatt und das „Jüdische Wochenblatt". Das erste erscheint in einer Auflage von über 60 000 Exemplaren und heißt das ,, Kopeken- Blätt'l", weil es für eine Kopeke pro Nummer verkauft wird. Zu den ständigen feuilletonistischen Mitarbeitern dieser Wochenschrift gehört auch der sehr begabte Satyriker und Kritiker David Frischmann. Das Thema der meisten seiner jetzigen mit ätzender Satyre geschriebenen Arbeiten sind die Segnungen der russischen „Freiheit" und „Konstitution". — Den territorialistischen Standpunkt vertritt auch das in Wilna erscheinende Wochenblatt „Die Jüdische Wirklichkeit", das Organ der sogen. „Poale Zion- Territorialisten". Dieses Blatt trägt einen populären Charakter und hat nicht den gehässigen Ton mancher Parteiblätter, wie er z. B. in der „Volkszeitung", der ebenfalls in Wilna erscheinenden jargonischen Tageszeitung, zu finden ist. Diese Zeitung, die das Organ des „Bundes" ist, zeichnet sich durch parteiische Engherzigkeit und Dogmatik, durch Beschimpfung und Verachtung anderer Parteien und Richtungen aus. Viel vornehmer, mannigfaltiger und inhaltsreicher ist die gleichfalls in Wilna erscheinende Halbmonatsschrift „Volksstimme", das Organ der sogenannten „Seimisten", die nach der Schaffung einer jüdischen Nationalversammlung in Rußland streben. Die „Volksstimme"', zu deren Hauptmitarbeitern auch der hochgebildete und begabte Chajim Shitlowsky gehört, ist — abgesehen von der New-Yorker „Zukunft" — das gediegenste Jargonblatt der Gegenwart. Alle diese Blätter sind ein Produkt der letzten Jahre und zum größten Teile nach der Aufhebung der Preßzensur in Rußland entstanden. Das rege Leben in der Jargonpresse zeugt vom politischen und geistigen Erwachen der jüdischen Masse. Zu bedauern ist nur die Parteizersplitterung, die sich auch in der Presse, besonders in der jargonischen, widerspiegelt. Die beiden hebräischen Blätter, die jetzt noch in Rußland erscheinen, die Tageszeitung „Hasman" in Wilna und die Monatsschrift „Haschiloah" in Odessa, vertreten den Standpunkt der gemeinsamen Zusammengehörigkeit der Gesamtjudenheit. Der „Hasman" ist ein ernstes, umfang- und inhaltsreiches Blatt, zu dessen ständigen Mitarbeitern auch N. Sokolow, der eigentliche Schöpfer der modernen hebräischen Journalistik gehört. Der „Haschiloah" wurde vor etwa zehn Jahren vom bekannten Publizisten Achadha'am begründet. Jetzt wird er vom eifrigen Anhänger Achad-ha'am's Josef Klausner und vom bedeutendsten hebräischen Dichter Ch. N. Bjalik redigiert. Der „Haschiloah" gehört zu den besten