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Ost und West · 1907-04-01 · Heft 4 (April 1907) · p. Seite 271 - 272

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Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 4 (April 1907)
Article
Die zweite Duma
Date
1907-04-01
Page
Seite 271 - 272 (sequence 2)
Language
German
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271 P. A. Longi: Die zweite Duma. 272 die sieh bei den Juden in der Revolutionszeit festgesetzt hatten. So behaupteten die revolutionären Parteien unter den Juden stets, daß die Ansiedlungsgebiete inbezug auf die politische Entwicklung die erste Stelle unter den übrigen Gouvernements des inneren Rußlands einnehmen. Tatsächlich erwies sich das Gegenteil als richtig. Im Ansiedlungsgebiet waren in den allermeisten Fällen die Bauern sowohl, als auch die städtische Bevölkerung reaktionär. Am revolutionärsten erwiesen sich die Gouvernements im Osten Rußlands, wo es überhaupt keine jüdische Bevölkerung gibt. Allerdings bleibt für die Juden ein Trost übrig: daß die Regierung auf Grund solcher sichtbaren Tatsachen jetzt nicht mehr den Juden die Schuld an der Revolution wird zuschreiben können, wie sie es bis jetzt getan hat. Dieser Trost ist jedoch nicht bedeutend, da die Antisemiten sich nicht scheuen werden, eine neue Beschuldigung zu erfinden. Der Rückgang der Progressisten in den Ansiedlungsgebieten kann teilweise durch den nationalen Antagonismus zwischen den Russen einerseits, den Polen und Juden andererseits, erklärt werden. Von diesem Antogonismus machte die Administration und die Geistlichkeit Gebrauch, um die Befreiungsbewegung in den Augen der unwissenden Bevölkerung zu diskreditieren, und die ganze Revolution als einzige Tat der Juden zu erklären. Nach dem russischen Wahlsystem wählt jede von den drei Kurien der Gutsbesitzer, Städter und Bauern zuerst ihre Wahlmänner. Diese kommen zu einer Gouvernementsversammlung zusammen und wählen gemeinschaftlich 6 bis 15 Deputierte, die dem ganzen Gouvernement seiner Bevölkerung gemäß zukommen. Die meisten Wähler besitzen die Juden unter den Städtern, und sie können ihre Deputierten durchbringen, wenn sie sich mit der Bauernkurie gegen die Gutsbesitzer vereinigen, oder mit den Gutsbesitzern gegen die Bauern. Als die Juden in die letzte Wahlkampagne eintraten, hegten sie die völlig falsche Ansicht, daß die Bauern sich oppositionell verhalten müssen, da in der Duma die Frage über die Verteilung des Bodens unter die Bauern gelöst werden muß. Deshalb haben die Juden, die die Majorität in den Städten des Ansiedlungsgebietes bildeten,* sich in diesem Jahr von einem Block mit der Gutsbesitzerkurie überall zurückgehalten, und sich bemüht, sich mit der Bauernkurie zu vereinigen. Das Resultat war, daß in den meisten Gouvernements sich ein Teil der reaktionären Gutsbesitzer mit den Bauern vereinigte und reaktionäre Wahlen durchführte. Die Juden aber, und in manchen Orten auch die konstitutionellen Polen fielen bei den Wahlen ganz durch. Nur in einem Gouvernement, in Kiew, erwiesen sich die Bauern als konstitutionell, aber auch hier verhinderten sie die Wahl eines jüdischen Deputierten. Die prinzipielle Absage, sich mit der Gutsbesitzerkurie zu vereinigen, führte dazu, daß die Juden jegliche Bedeutung bei den Wahlen verloren, und zur Wahl der Reaktionäre und Antisemiten in einigen Gouvernements verhalfen, wie z. B. in den Gouvernements Witebsk und Mohileff. Noch mehr aber schadeten den Juden die inneren Zwistigkeiten, der Kampf der verschiedenen jüdischen Parteien untereinander. Im vorigen Jahre haben die radikalen sozialdemokratischen Parteien (wie der Bund) die Duma boykottiert, und die parteilosen Massen und die Bourgeoisie fügten sich den Direktiven der Vereinigung zur Erlangung der Vollberechtigung der Juden und arbeiteten solidarisch. Dieses Jahr bemühte sich der Bund dort, wo er keine Kandidaten hatte, den jüdischen Block in den Städten auseinander zu sprengen, indem er irgend eine Klassenpolitik dort durchführen wollte, wo der Erfolg von einer vollen Solidarität der ganzen jüdischen Bevölkerung abhängig war. Dem Bund kamen die Gründer der jüdischen Volksgruppe in Petersburg zu Hilfe. Sie verkündeten kurz vor den Wahlen dem Zionismus den Krieg. Es begann ein vernichtender Kampf, der alle Kräfte und Mi ttel verschlang. Die Initiatoren der Volksgruppe lähmten durch ihren Einfluß auch die ganze Tätigkeit der Vereinigung, und deshalb spielten sie dieses Mal überhaupt keine Rolle. Diese Zwistigkeiten. führten in einigen Orten zu äußerst traurigen Ergebnissen. Zum Beispiel konnte es gelingen, in Kischineff auch durch eine wenig bedeutende Agitation die Wahl des bekannten Antisemiten Kruschewan zu verhindern. Während hier nichts unternommen wurde, wurde in den anderen Gouvernements wie in Wolynien, Minsk, zehntausende für den Kampf der jüdischen Parteien untereinander ausgegeben. Mit der Agitation unter den Bauern in dem Ansiedlungsgebiet beschäftigte sich fast niemand, weil die revolutionären Parteien, durch die Schuld des Bundes, ihre Aufmerksamkeit im Kampfe mit den jüdischen Komitees vergeudeten und weiter nichts taten. Der Sieg der Reaktionären in dem größten Tei ] des Ansiedlungsgebietes, wie auch der Rückgang der jüdischen Kandidaten, dürften wohl als warnendes Zeichen den jüdischen revolutionären Parteien dienen, die sich als Ziel nicht die Agitation unter den Bauern, sondern den Kampf mit der jüdischen Bourgeoisie gestellt haben, und auch den vielen jüdischen Leitern in Petersburg, die in diesem wichtigen Augenblick den politischen Kampf als Mittel gebrauchten, um ihre Abrechnung mit den Parteien im Judentum herbeizuführen. Es bleibt nur die Hoffnung übrig, daß die bittere Lektion, die uns durch die letzten Wahlen erteilt wurde, die Parteizersplitterung zum Teil beseitigen wird, die jetzt in Rußland, wie zu allen Zeiten auf jede europäische gesellschaftliche Tätigkeit, zerstörend wirkt. Petersburg, den 17. März 1907. P. A. L o n g i.

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