Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Judenporzellan
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 259 - 260 (sequence 7)
- Language
- German
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259 Thekla Skorra: Judenporzellan. 260 worden verloren alles Geld für das Porzellan in einem Augenblick durch die wütige Tat des Vaters. Aber der Mensch ist stärker, als ein Pferd, mein Kind; er zieht weiter seinen Karra, auch wenn's ist geworden dunkel um ihn her. So hat Hannah noch Jahre der Mutter abgenommen alle Sorge und Pflege für den Vater, der sich hat nie wieder erholt. Erst als sie ihn haben getragen hinaus, ist Hannah geworden an Körper immer weniger; gleich als ob sie nun nicht mehr hätt nötig ihre Kräfte, die sie haben verlassen von Tag zu Tag schneller. War ich doch inzwischen gewachsen heran, an Hannahs Vorbild geschickt und tüchtie, zu werden der Mutter eine Stütze. In unsern Armen ist sie dann gestorben. Auszehrung, haben gesagt die Aerzte, was rafft sehr schnell hin den Menschen, wenn er ist kaum 24 Jahre." „Und Samuel, Grossmutter, hat er sie nie wieder gesehn?" „Nein, niemals wieder. — Einmal hat er geschickt einen feinen Herrn, zu sagen, dass er hätte erlangt Titel und Würden und stände hoch in Ansehn und Mächtigkeit. Und dass er wolle sorgen für alles, so viel nur möchten brauchen die Eltern. Die aber haben gesagt, dass sie wüssten von keinem zweiten Sohn mehr. Ihr Sohn Samuel, der wäre längst gestorben. Ob sie ihm sollten zeigen das Grab, das man hat ihm gegraben I. Schwere Lasten der Gemeinde. Ein Stück Mittelalter ist nachträglich auch den Juden in Polen nicht erspart geblieben. Die Kosakenaufstände und die schwedischen Kriege in polnischen Gebieten brachten eine fürchterliche Verarmung über die Juden. Die Nachwirkung jener Schreckenszeit auf das Schicksal der polnischlitauischen jüdischen Gemeinden ersieht man deutlich aus nachstehender Schilderung der Steuerverhältnisse, die die litauischen Juden so gewaltig belastet zeigen. Ich entnehme die Daten dem geschichtlichen russischen Werk „Litauische Juden" (ed. Petersburg 1883) p. 8—15, von Professor Berschadsky. Seit Ende des 17. Jahrhunderts waren die Juden genötigt, unaufhörlich Anleihen zu machen, bald bei weltlichen Personen, bald bei verschiedenen Kollegien und Stiftungen. Die Anleihen der zweiten Gattung waren gewöhnlich auf unbestimmte Zeit (ohne Fristbegrenzung) abgeschlossen und unter Verpfändung des Gemeindegutes; auf diese Weise befand sich zum grössten Teil das Hab und Gut der jüdischen Gemeinden im Unterpfand auf unbestimmte Frist. In der Mitte des 18. Jahrhunderts erweisen sich die litauischen jüdischen Gemeinden als draussen vor der Stadt, auf dem guten Ort. Und haben in kein Wiedersehn gewilligt, auch nicht auf dem Totenbett."— Grossmutter schwieg. Wie Flügelrauschen der Vergangenheit schwirrte es über unseren Häuptern, und es zog dabin durch die kleine Stube der Hauch eines grossen Schicksals. Jetzt sah auch ich es quellen aus dem matten Goldglanz der alten Tasse, die allein einst der Vernichtung entgangen, eine endlose Salzflut von Tränen eines gehetzten Volkes. Und doch: Oft im Leben, wenn ich den Boden heissgesuchter Erkenntnis unter den Füssen schwanken fühlte, alle Stützen aus Denken und Wissen der sehnsüchtig klammernden Seele zu brechen schienen: dann schritt der Urahne aufrechte Gestalt, die mehr als 90 Lebensjahre nicht zu beugen vermocht, an meinem Geist vorüber. Ich sah die weissen Haare der Voreltern flattern im Schicksalssturm; ehern und wurzelstark aber die Füsse, hineingewachsen in eine jahrtausendalte Ueberlieferung. Von aussen geschändet, beschimpft und getreten: doch heilig hielten sie und unbesudelt ihres Herzens Hassen und Lieben bis ans Ende. Ghettomauern um sie her. Finsternis und Elend — und doch eine Heimat. Und doch in den paar Schuh breit Erde Raum genug, dass jeder Wurzeln schlagen konnte, die stark hielten fürs Leben. Nachdruck verboten. zahlungsunfähige Schuldner. Als die vom Landtag eingesetzte Kommission im Jahre 1766 zur Liquidatien der jüdischen Schulden sich anschickte, handelte es sich um folgende Summen: Die Gemeinde (Kahal) Wilna (5316 Seelen) schuldete 722,800 poln. Gulden „ „ „ Brest (3175 Seelen) schuldete 222,720 poln. Gulden „ „ „ Grodno (2418 Seelen) schuldete 386,571 poln. Gulden ,, „ „ Pinsk (1277 Seelen) schuldete 309,140 poln. Gulden Zur Tilgung dieser Schulden verfügten die Gemeinden über ganz unbedeutende Mittel. So betrug das jährliche Einkommen der Gemeinde (Kahal) Wilna 34000 poln. Gld., das von Brest 31200, von Grodno 21000 und das von Pinsk 37 500. Diese Einkünfte setzten sich hauptsächlich aus diversen indirekten Steuern zusammen, z. B. von der Akzise, aus dem Handel mit Salz, Tabak, Heringen, Teer und anderen Waren, aus Abgaben von jüdischen Handwerkern, einem Prozentsatz von jeder Mitgift, dem dritten Mass von Mühlen, die bei der Gemeinde verpachtet waren, der Steuer von Schankwirtschaften, von Bierbrauereien, Fleischverkauf und von ähnlichem Gewerbebetiieb in jüdischen Händen. Aus diesen Quellen mussien AUS DEN ALTEN GEMEINDEN. Von Leon Scheinhaus-Memel.