Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Article
- Neues von Lesser Ury
- Date
- 1907-04-01
- Page
- Seite 223 - 224 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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223 224 NEUES VON LESSER URY. Nächdruck verboten. Es ist etwa elf Jahre her, seit Lesser Ury zum erstenmale sein „Jerusalem" ausstellte. Damals schrieb Oskar Bie: „Ich bin glücklich, bei dieser Gelegenheit einmal meine ganze grenzenlose Bewunderung der Uryschen Kunst aussprechen und belegen zu können. Denn Urys Werk ist nicht nur sein Meisterwerk, es ist ein Meisterwerk der gesamten modernen Kunst, es ist ein kunstgeschichtliches Bild . . Seit damals sind elf Jahre vergangen, seit damals ist Lesser Ury ins Biesenhafte gewachsen, seit damals hat Lesser Ury eine ganze grosse Galerie von Meisterwerken empor- «rebaut. Nun hat er für seine Galerie, die leider noch nicht Gemeingut des Volkes geworden, zwei neue Werke hervorgezaubert; ein grosses Gemälde „ Sintflut", ein kleineres „David im Gebet". Z wei Werke höchster Menschheitsk unst. Man steht vor dieser „Sintflut" wie vor einem Phänomen, schüttelt sich vielleicht vor Grauen, fühlend, dass hier ein Meister die Tragik des Lebens in bisher unerhörter Weise dargestellt, blossgelegt und in all ihren mordenden Wirkungen förmlich verkörpert hat. Man schüttelt sich vor Grauen . . . Aus den ungeheuren nebligen Wassern, deren blendend weisse Wellen hoch emporschlagen, ragt ein mächtiger Felsen auf: die letzte Zuflucht der letzten drei Urmenschen. Einer von ihnen, der mittlere, stürzt eben in die Fluten, im letzten Momente noch den rechten Fuss um eine Felskante klammernd. Schon aber werfen sich die Wasser über den Körper .. der Tod ist da . . . Und während er gierig an dem Manne saugt, mit seinen Wassern in Mund und Augen dringt, ringen die beiden Mitmenschen noch um das nackte Leben . . . Muskeln und Sehnen spannen sich: Ein furchtbarer Kampf letzter Kräfte mit dem tötenden Clement. Man sieht, wie der eine von beiden, ein knorriger Kerl, mit rötlich schimmerndem Haar, die rechte Hand um den Felsen schlingt und mit den starken Fingern der Linken ein höher strebendes Stück des Felsens packt, während der rechte Fuss gegen "' "■■;-■,,;;•;„, ^.^^U',jvj - /', / ..! V: :■ : ' -.; . •. Ag' ' ■•• ' . '• \ . '. '" ' W' . V.";'fß. §§ * ." \ •' : 0^sf ■ i :' %y ,; ä m' w>'; -■> M'<\' ■■■< ,S- .. & Jfe"- - . .: I II " ' ' LESSER URY David im Gebet. einen Block sich wuchtig stemmt. Wie da der Kopf sich im Nacken dreht, wie da die Augen tierisch wild zur Seite blitzten, als spritzte ihm schon der weisse Gischt entgegen! Und dann der andere von jenen dem Tode Geweihten: der liegt platt vom Felsen hernieder, Hinterkopf und Rücken aneinanderpressend, mit beiden Händen übermenschlich die Zacken umspannend, während die Füsse schon von einem langsam sich abbröckelnden Block, auf dem sie vor Sekunden noch fest geruht haben, langsam herniedergleiten . . . Man empfindet: im nächster Augenblick schrumpft auch die Kraft dieses Menschen in nichts zusammen. Denn von oben herab drücken die schwer grauen Wolken, drücken die schwergrauen Regenmassen auf diebraunen Felsen nieder, hüllen ihn ein, hüllen die menschlichenKörper ein, machen sie schauern, und aus der Tiefe brausen schon die weissenWasser höher empor und ringeln sich wie weisse Schlangen um die Füsse der Menschen . . Ein grauenhaftes, aber grandioses Schauspiel! Und wie Lesser Ury hier, von dem mächtigen Vorwurf des Gemäldes abgesehen, die Technik an sich meistert, ist wunderbar. Ury, der Aktmaler, der vor einem Vierteljahrhundert beirii berühmten Portaeis in Brüssel den ersten Preis im Aktmalen errungen, zeigt sich hier in seiner vollendetsten Kunst. Und gleich unübertrefflich ist, wie Ury, der farbenfrohe Meister des blauen Gardasees, das graue Meer hinmalte in seiner endlosen Weite, seinen seltsamen Sturmspiegelungen. Und neben diesem gewaltig-düsteren Bilde das Werk der reinsten, hellsten Andacht: „David im Gebet.11 Aus dem sonngebräuuten Knabenkopfe blicken die dunklen Augen verklärt zum Himmel empor, der mit weichen weissen Wolken bedeckt ist. Nur da und dort lugt ein Streifen Blau, ein Streifen Grün hervor. Und seitwärts von dem betenden Juden steht Goliath da, zu einer schattenhaften Erscheinung zusammengeschrumpft, als hätte den Riesen schon der Anblick des Betenden niedergezwungen. Berlin. Adolph Donath. BERLIN.