Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 4 (April 1907)
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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<*4 0sT«esr: ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT v FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert von LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 4. April 1907. YII. Jahrg. OST UND WEST IN DER JUEDISCHEN WANDERUNG. Von Dr. S. Bernfeld. Wenn man die Geschichte des jüdischen Volkes betrachtet, so hat man beinahe den Eindruck, als ob es in dessen Natur und Wesen gelegen hätte, stets von Ost nach West und von West nach Ost zu pendeln. In der uralten Zeit, die man als das Morgengrauen in der jüdischen Geschichte bezeichnen darf, sehen wir die israelitischen Stämme von den Ländern des Euphrat nach Kanaan wandern. Einige Jahrhunderte später beginnt die Rückwanderung nach Mesopotamien und Babylonien. Nahezu ein ganzes Jahrtausend erhielt sich dann im jüdischen Volke das Hin- und Her wandern zwischen Ost und West, wobei sich merkwürdigerweise im Laufe der Zeit zwischen der Judenheit im Osten und der im Westen dieselben kulturellen und sozialen Gegensätze ausbildeten wie in der Gegenwart. Im babylonischen Talmud ist es eine fast stereotype Redensart, über diese oder jene babylonische Lehrmeinung oder dialektische Spitzfindigkeit „habe man im Westen-gelacht". Trotz der engsten Beziehungen zwischen der babylonischen und palästinensischen Judenheit flogen doch immer von hüben und drüben spitze Bemerkungen, Witze und oft auch offenener Tadel gegeneinander. Im Osten, wo damals der Schwerpunkt des jüdischen Volkes wTar, ärgerte man sich oft über die wegwerfende Art und Weise, in der man zu Palästina über die Juden in Babylonien zu urteilen pflegte. Aus diesem Grunde sahen viele die Wanderung von Babylonien nach Palästina nicht gern, und ein berühmter Lehrer verstieg sich sogar zu der Behauptung, es sei dies sündhaft, da die Juden in der babylonischen Verbannung so lange zu verbleiben hätten, bis sie Gott selbst nach ihrer palästinischen Heimat zurückführen würde. In der neueren Geschichte der Juden spielt ebenfalls die Wanderung von Westen nach dem Osten und zurück eine bedeutsame Rolle. Als Nachdruck verboten. durch das römische Weltreich das europäische Abendland allmählich erschlossen wurde, wanderten die Juden zuerst westwärts, dann aber infolge verschiedener Ereignisse wieder nach dem Osten. Eine merkwürdige Episode in der jüdischen Geschichte bilden die Vorgänge gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Zwei grosse Gruppen von jüdischen Ansiedelungen, wo die Juden seit einem Jahrtausend feste Wurzel gefasst hatten, wurden gewaltsam zerstört. Die Juden in Deutschland mussten allmählich ihre alte Heimat verlassen und wandten sich nach Polen. Um dieselbe Zeit kam auf der pyrenäischen Halbinsel die schreckliche Katastrophe über die dortigen Juden, und auch sie mussten sich eine neue Heimstätte suchen. Was geschah nun? Während die deutschen Juden vom Westen nach dem Nordosten zogen, suchten die meisten spanischen und portugisischen Juden vom äussersten Westen eine Ruhestätte in dem europäischen Südosten, das damals unter der Herrschaft der aufgeklärten und toleranten Osmanen stand. Nur ein kleiner Teil dieser Flüchtlinge fand in Italien und später auch in Holland Aufnahme. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, als in Polen und den damaligen russischen Provinzen des grossen Polenreiches die schrecklichen Judenmetzeleien stattfanden, begann wieder eine stete Rückwanderung der deutschen Juden nach dem Westen. Diese Rückwanderung, die im Laufe eines Viertel-Jahrtausends verschiedene Zielpunkte gefunden hat, ist in der letzten Zeit zu einer grossartigen Emigration nach Amerika geworden. Es ist somit kein Zweifel, dass wir es gegenwärtig mit einer grosse Dimensionen annehmenden Wanderung der Juden nach der westlichen Halbkugel zu tun haben. Ueber die kulturgeschichtlichen Einzelheiten dieser ewigen Wanderung des jüdischen Volkes Hesse sich ein interessantes Buch schreiben. Denn dadurch hat sich dieses Volk eigenartig ent-