Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Article
- Der Kollektant
- Date
- 1907-03-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 2)
- Language
- German
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147 Charles L. Hallgarten, Frankfurt a. M.: Der Kollektant 148 dessen sich heute so viele politische Parteien annehmen. Eher möchte ich betonen, miisste man sich noch weit dringlicher an die vielen Eeichen wenden, die geben können, aber nicht geben wollen. Wie oft hört man nachgerade in diesen Kreisen die Worte: „Ich gebe prinzipiell nichtsl" In England besteht die Sitte, dass die Geistlichen einmal im Jahre einen charity sermon (Wohltätigkeitspredigt) halten. Der geistreiche Dean Swift hielt einst eine solche Predigt mit den wenigen Worten: „He who gives to the poor lends to the Lord. If you like the security, down with the dust" (wer dem Armen gibt, leihet dem Herrn. Wenn Euch die Sicherheit genügend erscheint, heraus mit dem Plunder!) und verliess die Kanzel. Das ist ungefähr das Gleiche, was der Kollektant zu bieten hat, wenn er seine Sammelliste vorlegt. Durch lange Reden, durch persönliche Einwirkung kann er nichts erreichen. Wie oft, wenn ich selbst sammeln sollte, habe ich an die Worte gedacht, die Bulwer seinem Schauspiel „Money" als Motto vorangesetzt hat: ,,'T is a very fine world that \ve live in To lend or to spend or to give in; But to heg or to borrow or get a mans1 own 'T is the very worst world that ever was known.u „'S ist rne schöne Welt, in der wir leben, Zum Verleihn, zum Schenken, zum Geld ausgeben: Doch zum Betteln, zum Borgen, zum Fordern von Geld — Da ist es eine abscheuliche Welt!" EINIGES UBER DEN GESCHICHTLICHEN BEGRIFF DES AMHAAREZ. Von Dr. Max Steif. Nachdruck verboten. Gibt es so bald ein zweites Volk wie das jüdische, das sein neu erlangtes Yolkstum vor allem dadurch bekundet, dass es am Sinai Lehren und Gebote entgegengenommen? Findet sich so leicht ein zweiter Volksführer wie Mose, der, anstatt das ihm anvertraute Volk zuallererst mit den Regeln der Kriegskunst vertraut zu machen, es ka.ry» - bereit und schlagfertig zu halten gegen die Unzahl von Feinden, die es rings umlauerte, „vom Morgen bis Abend" unermüdlich tätig ist, es auszurüsten mit den Waffen des Geistes und des Wissens? Wahrlich, da ist es keine Uebertreibung, wenn von Israel gesagt wird, dass es allein ein „weises und verständiges Volk" genannt zu werden verdiene. Und wenn wir finden, wie später aller Tadel und alier Hohn der Propheten sich zumeist dagegen gerichtet, weil das Volk dieses Wissen geringzuschätzen begann, wenn wir erfahren, dass es wieder ein grosser Schriftgelehrter, Esra, gewesen, an dessen Namen sich die Neugründung des zweiten jüdischen Staatswesens knüpfte, dann wird man zugeben müssen, dass das Wissen nirgends eine solche Wertschätzung gefunden, wie innerhalb des jüdischen Yolkes. — Bildung und Wissen war zumeist aliein entscheidend für den Rang, den jemand im alten Israel und auch späterhin eingenommen, und nichts mag hierfür bezeichnender sein als jene talmudische Entscheidung, derzufolge einem Rastard der Vorrang selbst vor dem Hohepriester gebühre, wofern jener diesen an Bildung überrage. (Horioth 13a). Die Tatsache von der hohen Wertschätzung des Wissens und die Geringschätzung der Unbildung ist also schon in eine sehr frühe Zeit zurückzudatieren. Etwas anderes ist es hingegen mit den verschiedenerlei hebräischen Bezeichnungen für den Gebildeten und Ungebildeten; namentlich hat jenes Wort, das wie kein zweites den Ignoranten im jüdischen Wissen kennzeichnet, das Wort Am haar ez, seine besondere Geschichte, die darlegen kann, wie Worte ursprünglich ganz harmloser Natur im Laufe der Zeit zu einer ominösen Nebenbedeutung gelangen. Wortwörtlich nichts anderes als „Volk des Landes" bezeichnend, erscheint der Amhaarez neben «dieser Ursprungsbedeutung schon in der Bibel als eine besondere Klasse von Leuten, als misera plebs contribuens, oder als der gewöhnliche Mann idiotes, im Gegensatze zu dem eine Würde oder ein Amt Bekleidenden (vgl. III. B. M. 4, 27, Ez. 33, 2). Hier involviert diese Bezeichnung noch lange nicht die Bedeutung des Unwissenden, denn in der Bibel finden sicli hierfür eine Reihe anderer Ausdrücke, wie z. B. isch-baar (4, 92, 7) kethil, pethi (Spr. I. 5, 22, VII. 6 u. a. m.) vor. — Die Entwicklung des Städtewesens zur Zeit des zweiten Tempels hatte mehr als früher, wo der Staat im ganzen und grossen ein ackerbautreibender gewesen, in der Landbevölkerung eine besonders differenzierte Klasse geschaffen, der in dem damaligen Schrifttum die Gesamtbezeichnung Amhaarez beigelegt wurde. Nichts wäre nun natürlicher gewesen, als dass infolge der Entfernung vom Zentrum der Gesetzesforschung eine immer mehr überhandnehmende Unwissenheit bei diesem Amhaarez hätte Platz greifen müssen. Und doch geht aas den, auch* diese Zeit Verhältnisse schon berührenden Mischnahangaben so viel hervor, dass das charakteristische Merkmal des Amhaarez keineswegs völlige Unkenntnis des Gesetzes gewesen, sondern nur eine laxere Beobachtung gewisser religiöser Vorschriften, namentlich ein leichtfertiges Sichhinwegsetzen über gewisse zu leistende Abgaben, Zehnten, und schliesslich eine geringere Observanz der auch in bestimmten Laienkreisen oft streng eingehaltenen levitischen Reinheitsgesetze. Dies hatte zur Folge, dass sich nach und nach streng abgeschlossene Vereinigungen Gleichgesinnter, sog. „ Genossenschaften" (Chaberim), herausbildeten,