Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 3 (März 1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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USViWßST. ^7 ILLUSTRIERTE MONATSSCHRIFT FÜR DAS GESAMTE JUDENTUM. Herausgegeben und redigiert LEO WINZ. Alle Rechte vorbehalten. Heft 3. März 1907. YII. Jahrg. DER KOLLEKTANT. Von Charles L. Hallgarten (Frankfurt a. M.). Vor einiger Zeit empfing ich einen Brief nachstehenden Inhaltes: „Bei den Vereinen, bei denen Sie und Ihre Freunde an der Spitze stehen, sollten Sie doch dahin wirken, dass folgender Missstand gründlich beseitigt werde: Durch Trägheit oder Indolenz der Colporteure oder deren mangelhafte Instruktion werden die Sammellisten immer und immer wieder nur einer beschränkten Anzahl von Leuten vorgelegt, von denen man weiss, dass sie geben, während die weitaus grössere Zahl unserer Mitbürger, die sich in Verhältnissen befindet, die ihr das Geben ebenfalls erlauben (ich meine nämlich den Mittelstand), ganz und gar unbehelligt bleibt. — Viele davon brauchten nur aus dem Indifferentismus aufgerüttelt zu werden, um an den humanitären Werken aktiv teilzunehmen. Ich glaube hier nach allen Seiten eine dankenswerte Anregung gegeben zu haben." Ich möchte nun das bewährte Mittel der Öffentlichkeit erproben, um eine „dankenswerte Nachdruck verboten. Anregung" zu geben, wie man den Indifferentismus im Spendengeben aufrütteln könne. Dass die Kollektanten immer an denselben Türen anklopfen, ist doch sehr begreiflich. Zunächst werden sie sich stets an die wenden, von denen sie etwas zu erwarten haben. Daneben machen sie auch viele erfolglose Gänge, und mein Korrespondent weiss nicht, wie oft der Kollektant abgewiesen wird. — Dieser lässt sich die Mühe nicht verdriessen, besucht auch solche wieder, die ihm schon einmal eine Gabe verweigert haben, und verfolgt jede Spur, um möglichst neue Kunden zu erwerben. — Es ist sein Geschäft, und da er von der Kollekte Prozente erhält, so giebt er sich schon im eigenen Interesse die grösste Mühe, den Betrag seiner Kollekte durch Heranziehung neuer Geber zu vermehren. Dass der Kollektant denen, an die er sich wendet, Moral predige, sie an ihre Pflicht mahne, das ist wohl kaum von ihm zu erwarten. Einem jeden ist auch schon so oft gepredigt worden, Geben sei seliger denn Nehmen, dass diese Wahrheit einer eigenen Propaganda kaum noch bedarf. Und die Aufgabe der Kollektanten kann es sicherlich nicht sein, die Gewissen zu erwecken, die sich solchen Lehren verschliessen. Dass er kommt und wieder kommt, das wirkt ohne Zweifel bei einigen; denn steter Tropfen höhlt den Stein. — Allein eine würdige Aufgabe wäre es, die Menschen zum Geben zu erziehen. Einer der grössten Philanthropen in New-York wirkt seit den letzten Jahren mit aller Macht nach dieser Richtung, da er erkannt hat, dass die Erziehung zum Geben ebenso eine Pflicht ist, wie das Selbstgeben. Am meisten wirkt er durch sein Beispie!, und die Erfolge, die er erzielt, sind auch wohl zumeist dem Beispiel, das er gibt, zu verdanken, wenn sie auch verhältnismässig gering sind. Der Kreis der Geber ist überall klein, und auch für Frankfurt stimmt, was mir erst kürzlich ein geistreicher Philanthrop in Paris gesagt hat: „Ce sont toujours les meines qui se font tuer." In einem Punkte hat mein Korrespondent Unrecht. Er will, dass der Kollektant sich an den Mittelstand wende, an den „armen" Mittelstand,