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Ost und West · 1907-02-01 · Heft 2 (Februar 1907) · p. Seite 109 - 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
7 (1907)
Issue
Heft 2 (Februar 1907)
Article
Der Pogrom
Date
1907-02-01
Page
Seite 109 - 110 (sequence 2)
Language
German
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109 Maria Konopnicka: Der Progrom. 110 klinke die lange Hanfsträhne, die er keuchend in dem halbdunklen Hausflur dreht. Jeden Abend, wenn's dunkelt, zeigt sich der dürre Student von drüben, steckt den Kopf mit dem langen Halse durch die halbgeöffnete Tür und borgt sich die Talgkerze aus, die er gleich zurückzubringen verspricht, da er nur ein Stündchen schreiben will. Die Hökerin reicht ihm durchs Fenster zuweilen einen schwarzen Rettich, den sie für einige bunte Papierschnitzel eintauscht, woraus sich ihre Buben die Drachen fertigen, mit denen sie die ganze Gasse unsicher machen. Das Söhnchen des Hauswirts sitzt in seiner Werkstätte ganze Stunden und wartet, bis Mendel seine Papiersoldaten auf Pappe klebt, und bewundert unterdessen den grossen Griff der Scheere, wiegt den Hammer in seiner Hand und steckt die Nase in die Kleisteitöpfe hinein. Alles dies zusammen bildet eine gewisse warme, traute Atmosphähre herzlichen, gegenseitigen Wohlwollens. Und der alte Mendel fühlt sie auf seinem typischen, in Arbeit und Sorgen verwelkten Antlitz. Sein Haar ist stark ergraut und der lange Bart ist milchweiss. Bisweilen verkriecht sich zwar die eingefallene Brust unter dem abgetragenen Kaftan, und der gekrümmte Rücken will sich fast niemals gerade richten; aber das sind Kleinigkeiten, solange nur Beine und Augen dienen und die Kräfte der Hand nicht versagen. Wenn das Asthma ihm den Atem raubt und in dem gebeugten Rücken die Knochen schmerzen, dann stopft sich der alte Mendel sein Pfeichen mit Tabak voll, und indem er raucht, ruht er ein wenig aus. Sein Tabak ist nicht besonders fein, aber er gibt einen so schönen grauen Rauch. Dieser Rauch hat noch die ganz besondere Eigenschaft, dass Mendel in ihm verschiedene entlegene Dinge sieht, und auch solche, die längst vergangen sind. In diesem Rauch sieht Mendel Resa, seine Frau, an deren Seite er dreissig glückliche Jahre verlebt, und seine Söhne, die sich, um Brot zu suchen, in die Welt verstreut haben, gleich Blättern, die der Wind einherjagt, und die Kinder dieser Söhne — und allerlei Kummer, Freuden und Sorgen. Am längsten aber schwebt vor seinem geistigen Auge die Gestalt der jüngsten Tochter Leah, die so früh aus dem Leben scheiden musste und von der ihm nur ein einziger Knabe zurückblieb. Sobald der alte Mendel sein Pfeifchen entzündet, kommt ein leises Murmeln von seinen Lippen. Und in dem Masse, als die Rauchknäuel dichter werden und vor ihm Bilder auftauchen, die niemals mehr Wirklichkeit werden, wird dieses Murmeln immer stärker, bis es sich zu einem wehmütigen Seufzen erhebt. Auch diese Menschenseele hat ihre Trauer und ihr Sehnen, die sie durch Arbeit zum Schweigen bringt. Unterdessen kommt die Nachbarin und bringt in der einen Hand ein Töpfchen Brühe, in dem aufgeweichte Stückchen vertrockneten Weissbrodes schwimmen, in der anderen einen zugedeckten Teller mit Fleisch und Gemüse. Der alte Mendel nimmt die Gegenstände in die Hand; aber er macht sich nicht sogleich an das Essen, sondern wartet. Er wartet nicht lange. So bald die zweite Stunde schlägt, öffnet sich die Tür mit grossem Geräusch, und herein stürmt ein kleiner Gymnasiast in grauer, auf die Zukunft berechneter Schüleruniform, die Mütze aufs Hinterhaupt geschoben, mit einem Tornister auf den Schultern. Ein etwa zehnjähriger Knabe, der von der Mutter, der jüngsten Tochter Mendels, die braunen Augen mit dem goldigen Schimmer geerbt hat und die langen, schwarzen Wimpern und den kleinen Mund, vom Grossvater aber die Adlernase und die hohe Stirn. Klein und schmächtig, erscheint der Knabe noch kleiner und noch schmächtiger, wenn er den Mantel ablegt und in der Schülerbluse mit dem breiten Ledergürtel bleibt. Der Grossvater lebt in steter Angst um ihn. Die durchsichtige Hautfarbe des Knaben, sein fortwährender Husten, seine schmächtige Brust und die schmalen Schultern erwecken im Alten unaufhörliche Sorge. Deshalb legt er ihm die besten Bissen aut den Teller, und wenn er gegessen hat, klopft er ihm auf den Arm und eifert zum Spiel mit den Kindern auf dem engen Hof an. Aber der Knabe lässt sich nur selten dazu bereden. Die Lektionen quälen ihn, die schwere Uniform, das Sitzen in der Schule, der weite Weg, der Tornister erschöpfen seine zarten Kräfte. Auf morgen hat er eine Menge Aufgaben. Im Gehen schleppt er die Füsse nach, und selbst wenn er lacht, blicken seine braunen Augen schwermütig drein. (Schluss folgt.) HELENA ARSENE DARMESTETER PARIS Frau des Gesandten Motono.

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