Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1907)
- Article
- Das auserwählte Volk
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 1)
- Language
- German
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95 96 DAS AUSERWAEHLTE VOLK. Von A. Wolff, London. Nachdruck verboten. Du glaubst gewiss, dass ich von den Juden reden will. Aber du irrst dich, mein Freund, [ch meine die — Engländer. Jawohl! Diese nur sind das auserwählte Volk. Freilich als „auserwählt" fühlt sich jedes Volk in jener Epoche seiner Entwickelung, da ungebrochene Jugendkraft und Tatendrang ihm stürmisch durch die Glieder brausen. Gleich wie der Einzelwunsch in derselben Epoche seines Lebens sich so zu sagen als der Mittelpunkt der Welt fühlt und alles auf sich bezieht. Und das ist sein gutes Recht. Die Auserwählt heit ist dann ja nur der theologische Ausdruck für das Gefühl der eignen Wichtigkeit, von dem jedes lebenskräftige Individuum, solange es nicht enttäuscht ist, erfüllt zu sein pflegt. Aber das Bewusstsein der Auserwähltheit kann in einem Volke auch in den Epochen des Niederganges entstehen, als trotzige Bejahung des Willens zum Leben den Schlägen des Schicksals gegenüber. So hat z. B. die romantische Poesie Polens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die polnische Nation in einem gewissen Sinne als die auserwählte bezeichnet, indem sie ihr eine besondere, einzigartige, nur durch unsägliche Leiden zu erfüllende Mission innerhalb des Völkerkreises zuschrieb. Aber auch manche kleine Nationchen, so u. a die Rumänen, betrachten sich als auserwählt, wie man aus ihren Nationalliedernersehenkann. MännerwieDostojewski und Tolstoy betrachten die Russen als das auserwählte Volk. Wenn Chamberlain die Germanen als JULES WORMS. auserwähltes Volk proklamiert, hat das einen andern Sinn, nämlich den, dass dieser Titel ihnen das Recht gibt, alle anderen Völker, namentlich die Romanen und Semiten, „in die Berge zu verdrängen" und auszurotten. Keinem Volke aber wurde der Anspruch aut „Auserwähltheit" so furchtbar verübelt, wie den Juden, obgleich dieser Anspruch sich in alter Zeit eigentlich auf die jüdische Lehre bezog, die nach dem bekannten Prophetenworte das „Licht der Völker" werden sollte. In späteren Zeiten nahm dieses Epitheton einen tragischen, märtyreihaft - tragischen Beigeschmack an und bildete einen unschuldigen Trost in Zeiten bitterster Not. Nirgends aber wie bei den Engländern hat sich das Gefühl der eignen Superiorität und „Auserwähltheit" zu einer förmlichen Theorie krystallisiert, die ins einzelne durchgeführt und in allen Punkten begründet, zur Unterstützung und Rechtfertigung der praktischen Politik dient. Ja mehr noch, die Söhne Albions leiten ihr „Erstgeburtsrecht," ihren Anspruch auf den Titel des „auserwählten Volkes" von der Bibel her, indem sie sich als die Erben des Volkes Israel ausgeben. Es existiert über diesen Gegenstand in englischer Sprache eine ganze Literatur von seltsamen und in ihrer Art witzigen und spitzfindigen Interpretationen der Worte der Bibel, namentlich gewisser Prophetenstellen, von denen es sich verlohnt, einige hierherzusetzen. Unter den heraldischen Emblemen im Wappen des vereinigten Königreiches Grossbritannien befindet sich auch ein Löwe und ein Einhorn. Das ist nun das vereinigte Wappen der Königreiche Jehuda und Ephraim (Israel). Ersteres vergleicht nämlich Michah (V. 7) mit einem „jungen Leu unter den Tieren des Waldes;" von Ephraim aber sagt Deuteromium 33, 17, er sei ähnlich dem erstgeborenen Stier und habe ein Geweih wie ein Einhorn. Braucht man da noch eines kräftigeren Beweises, dass die Bibel an nichts anderes, als an Grossbritannien dachte? Doch BEKANNTMACHUNG. nmss hier bemerkt werden,