Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1907)
- Article
- Das Schulwerk der Alliance in Saloniki
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 65 - 66 (sequence 2)
- Language
- German
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65 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Das Schulwerk der Alliance in Saloniki. 66 einmal etwas übermütig, er fühlt sich als Herr des Platzes: Saloniki gehört ihm. Die aus imsern Anstalten entlassenen jungen Leute nehmen in den Bankhäusern, den Läden, in der öffentlichen Verwaltung die ersten Stellungen ein. Auf den zahlreichen Eisenbahnlinien, die ich benutzte, traf ich beinahe auf jeder Station ein oder zwei oder mehr jüdische Beamte. Yiele Schüler setzten die auf der Schulbank begonnenen Studien fort; zahlreich sind die Aerzte und Rechtsanwälte, die ihre erste Erziehung den Schulen von Saloniki verdanken. Die Knabenschule, vor 33 Jahren begründet, zählt zu unsern besten Schöpfungen. Sie erfreute sich stets, und grösstenteils mit Kecht, eines ausgezeichneten Kufes. Die Schule ist ein wahrer „Turm von Babel." Ausser Hebräisch, Deutsch, Französisch, Türkisch unterrichtet man Englisch, Italienisch, Griechisch. Natürlich lernen die Kinder nicht alle sieben Sprachen auf einmal. Der deutsche Unterricht ist in den bewährten Händen des Herrn Neftel. Das Lehrlings werk. Saloniki gehört zu den Städten, in denen das Lehrlingswerk gut gediehen ist. Hier kennt man nicht die häufig unüberwindbare Schwierigkeit, die darin liegt, dass für die Zöglinge keine ordentlichen Lehrmeister zu finden sind. Die Mehrzahl der Handwerksmeister in Saloniki sind Juden. Ehemalige Lehrlinge. Ich sah in oiner Werkstatt zwei ehemalige Tischlerlehrlinge, der eine verdient 4 Frcs., der andere 372 täglich, was für Saloniki ein sehr schöner Verdienst ist; in einer andern Werkstatt verdienen fünt Tischler je 3 Frcs. täglich; in einer Steinmetzerei verdienen sechs ehemalige Lehrlinge Frcs. 2,50 bis 1,75; in einer Teppichweberei zwei Arbeiter Frcs. 2. Einer unserer ehemaligen Tischlerlehrlinge, der sich etabliert hat, verdient wöchentlich Frcs. 20. Kührend ist, dass sein Vater nun bei ihm als Lehrling arbeitet. Ein anderer Tischlermeister, desgleichen zwei Tischlergesellen, verdienen Frcs. 2,50 bis 1,60 täglich; zwei Ofensetzer 1,50 und 1,25; sechs Stuhlmacher 2 bis 3 Frcs.; ein Klempner 6 Frcs. wöchentlich; sechs Posamentiere 10 bis 23 Frcs. wöchentlich; zwei Koffermacher 8 Frcs. wöchentlich; ein Tischler, der seit 27 Jahren sein Handwerk betreibt, verdient 1500 Frcs. im Jahr; zwei Bürstenbinder, der eine von ihnen Meister, verdienen 50 bezw .11 Frcs. wöchentlich. Ich besuchte die Werkstatt Nahmias, wo mehr als 35 Tischler, alles Juden, beschäftigt sind. Unter ihnen finden, sich 12 ehemalige Lehrlinge, die 1,25 bis 3 Frcs. täglich verdienen. Unter diesen zwölfen ist ein Holzbildhauer von Ihrer, Gewerbeschule in Jerusalem mit einem täglichen Verdienst von 3 Frcs. Endlich besuchte ich zwei ehemalige Setzerlehrlinge; sie verdienen heute 8 und 12 Frcs. wöchentlich. Ich habe selbstverständlich nur den kleinsten Teil Ihrer ehemaligen Lehrlinge aufsuchen können* Alle, die ich sah, sind mit ihrer Lage zufrieden und segnen die Alliance, die sie einen Beruf erlernen Hess, der sie und ihre Familien anständig ernährt. Gegenwärtige Lehrlinge. Es sind an Zahl 54, davon 23 Tischler, 7 Schmiede, 5 Steinmetze, 3 Teppichweber, 3 Posamentiere. 3 Stuhlmacher, 3 Dentisten, 2 Setzer, 1 Kupferschmied, 1 Koffjrmacher, 1 Mützenmacher, 1 Schumacher und 1 Goldschmied. Alle diese Lehrlinge erhalten ausnahmslos einen wöchentlichen Lohn von 2 bis 8 Frcs. Die Lehrlinge nehmen regelmässig an den Abendkursen teil, die in bester Art von zwei unsrer Lehrer abgehalten werden. Sie erhalten ausserdem Mittagessen, das uns etwa 0,15 Frcs. pro Lehrling und Mahlzeit kostet. Die Gewerbeschule. Diese Schule ist die populärste in Saloniki, die Schule, auf die Saloniki am meisten stolz ist. Die vornehmsten Damen, jüdische wie muhammedanische, besorgen sich bei uns Korsett und Kostüm. Ein Korsett wird mit Frcs. 40 bis 50 bezahlt, die Anfertigung einer Kube mit Frcs. 50 bis 60, was für Saloniki recht beträchtlich ist; man kann dennoch der Nachfrage nicht genügen. Der Vorwurf, dass die Schule ihrer Kundschaft zu hohe Preise berechne, trifft sie nicht allzu schwer; man bedenke, dass mit Hilfe der Einkünfte der Ateliers nicht weniger als 300 junge Mädchen ihre Ausbildung erhalten. Wäre nicht die hohe Mete von 5200 Frcs. aufzubringen, so würde die Gewerbeschule nicht nur sich selbst, sondern auch die andern Anstalten erhalten. Vereinigungen. Sowohl die ehemaligen Zöglinge der Knabenwie der Mädchenschule haben sich zu Vereinigungen zusammengetan. Beide Vereine leisten dem Werk der Alliance grosse Dienste, durch Einsammlung von Jahresbeiträgen, durch Propaganda, durch Subventionen, die sie den Volkskursen und sogar den auswärtigen Schulen in Leskub und in Serres widmen. Schlussbemerkungen. Unser Werk in Saloniki ist in jeder Hinsicht gut, die Kesultate sind beträchtlich. Die Saat wurde vielleicht ein wenig zu langsam ausgestreut, die Ernte aber ist reichlich. Wer das Saloniki Tor 30 Jahren gekannt hat und mit dem heutigen Saloniki vergleicht, muss wahrnehmen, dass hier eine wahrhafte Revolution sich abgespielt hat. Die israelitische Gemeinde, ja die Stadt selbst hat " sich von Grund auf verändert. Man höre die Männer von 40 bis 50 Jahren über die Alliance und über ihre wohltätige zivilisatorische Wirksamkeit sprechen. Man höre, mit welcher Begeisterung die jungen Leute, die eben die Schulbank verlassen, die „heilige'4 Alliance preisen der sie ihr Glück verdanken. Berlin. Der Wunsch, mit den Mitgliedern der Alliance Israelite Universelle in immer nähere Beziehung zu treten und durch Aufklärung über das Wirken und die Ziele der A. I. U. dieser immer neue Freunde zu gewinnen, hat das Präsidium der Deutschen Conferenz- Gemeinschaft veranlasst, Versammlungen zu veranstalten, in denen über die A. T. TL Vorträge gehalten wurden. Es geschah dies, abgesehen von den Vororten von Berlin, in Eberswalde, Grünberg in Schi., Würzburg, Stuttgart, Lissa i. P., Frankfurt a. M., Wongrowitz, Grätz, Mur. Goslin, Schokken, Ostrowo, Schrimm, Schildberg, Rawitsch, Memel, Insterburg, Erfurt, Gotha, Tilsit, Filehne, Alienstein, Schwetz, Die Vortragenden — die Herren M. A. Klausner, Dr. Friedländer, Dr. Markus, A. Jacoby — fanden überall für ihre Ausführungen lebhaftes Interesse. Nicht selten riefen ihre Darlegungen Ueberraschung hervor. Denn wenn die Alliance auch überall mit ehrender Anerkennung und mit höchster Achtung genant wird, so hatte sich doch vielfach die genauere Kenntnis von dem weltumfassenden Wirken der Alliance, von ihrer ausdauernden Fürsorge und von demB.eichtum der Mittel, die sie unseren bedrängten Glaubensbrüdern in aller Welt zur Verfügung stellt, verflüchtigt. Die Geräuschlosigkeit, mit der die Alliance ihre Taten verrichtet, hat zur Folge gehabt, dass man vielfach andere Organisationen für die eigentlichen Urheber dessen hielt, was in Wirk-