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Ost und West · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. Seite 863 - 864

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Revue der Presse
Date
1903-12-01
Page
Seite 863 - 864 (sequence 1)
Language
German
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Revue der Presse. 864 REYEU Dl Wieder einmal hat in London eine Volksversammlung getagt, die gegen „die Missstände der übermässigen Einwanderung" protestiert hat. Es wurde viel volkswirtschaftliche Weisheit und Vaterlandsrettung und selbstverständlich auch das unvermeidliche, sehr reichliche Quantum Humanität verzapft. Der bekannte Major Evans-Gordon, der Held des Tages, ebenso wie alle anderen Redner, bekämpfen die Einwanderer nicht etwa als Fremdbürtige oder Bekenner einer fremden Religion, ei, bewahre, sie erklären sich sogar gern bereit, jeden, der einen solchen Standpunkt einnähme, zu verachten und ihn mit einem chinesischen Mandarin oder einem spanischen Inquisitor zu vergleichen. Während der ganzen Versammlung vermied man es sorgfältig, das Wort Jude auch nur zu erwähnen. Man schämt sich in England immerhin, sich zum kontinentalen Antisemitismus zu bekennen, ja, auf jener Versammlung hat man sogar den Antisemitismus in den Grund und Boden verdammt, man beklagte aufrichtig und herzlich die Greuel von Kischinew und Hornel, man schwang sich sogar zu dem Bekenntnis auf, dass an der ganzen Geschichte „nur verschiedene ausländische Regierungen schuld seien, die durch Unduldsamkeit und Ungerechtigkeit ganze Bevölkerungsklassen aus der Heimat verjagen." Man wolle daher nur versuchen, die heimische Bevölkerung möglichst vor Schaden zu bewahren und zu diesem Behuf die Einwanderung regulieren. Regulieren, — das heisst: wer einen vollen Beutel hat, der sei uns willkommen, wer aber nichts als einen knurrenden Magen und ein Paar fleissige Hände mitbringt, vor dem verschliessen wir unsere Tore! Es ist interessant, der Grundanschauung nachzugehen, aus der diese ganze Agitation gegen die Fremden erwächst. England für die Engländer! Das heisst: einem jeden Volk steht innerhalb der ihm von Natur und Geschichte zugewiesenen Ländergrenzen das ausschliessliche Hauseigentümerrecht zu und es darf jeden, der von aussen her einzudringen versucht, um sich unter den Einheimischen niederzulassen, ungescheut vor die Thür setzen. Sehr schön. Es ist freilich nicht viel Humanität, nicht viel kultureller Sinn in dieser geographischen Weltanschauung, die sich auf die farbenbestrichenen Grenzpfähle stützt und ein Erbteil aus der Höhlenbewohnerzeit zu sein scheint. Aber Methode ist darin. Nur müsste man diese Methode konsequent durchführen. Hat jeder innerhalb seiner Grenzen ausschliessliche Herrenrecbte, dann muss auch jeder innerhalb seiner Grenzen schön zu Hause bleiben; darf niemand meine Grenze beschreiten, so darf auch ich niemandes Grenze beschreiten Nun gibt es kein Volk in der Welt, das so viel Gelüste nach fremden Ländern trägt, als das englische, keines streckt seine Fangarme so weit aus nach allen Weltgegenden, wie das englische. England den Engländern! Gut, aber was ist England? Nicht nur das Inselheim im Nordwesten von Europa, nein! Vier Fünftel von Afrika, die Hälfte von Asien, R PRESSE. ganz Australien, ein gewaltiges Bruchstück von Amerika, zahllose Punkte und Inseln über den ganzen Erdball verstreut, — das alles ist England. Der Rest unseres Planeten ist nach englischen Begriffen „noch nicht England'4. Und von allda stünde den Söhnen Albions das Recht zu, jeden „Nichteinheimischen" zu entfernen, insofern ihr ökonomisches Interesse es ihnen vorteilhaft erscheinen Hesse. Den Nichteinheimischen bliebe bald nichts übrig, als - von unserem Planeten auszuwandern, um für den anglosächsischen Stamm Platz zu machen. Ein paar sonst in der Oeffentlichkeit nicht bekannte Herren haben vor kurzem in Berlin eine „Vereinigung deutsch-nationaler Juden" gegründet, welche sich die in ziemlich unklare Worte gefasste Aufgabe gestellt hat, „den gesellschaftlichen wie den Rassenantisemitismus durch die Pflege und Förderung deutsch-nationaler Gesinnung und Betätigung in allen Kreiseri und Schichten des Judentums zu bekämpfen." Von der Zugehörigkeit zur Vereinigung ausgeschlossen bleibt „jeder, der auch nur im entferntesten sozialdemokratische Tendenzen billigt oder unterstützt" Einen Mangel an „deutschnationaler Gesinnung", d.h. an Anhänglichkeit und Liebe zum Vaterlande in allen Kreisen und Schichten des Judentums, haben bisher nur die „gesellschaftlichen und kassenantisemiten", wie auch andere Antisemiten verschiedenen Kalibers verspührt. Sonst fühlte wohl niemand das Bedürfnis nach einem Verein, der speziell unter den Juden die Anhänglichkeit und die Liebe zum deutschen Vaterlande wecke und verbreite. Wer aber der Ansicht ist, dass die deutschen Juden in dieser Beziehung hinter ihren christlichen Mitbürgern zurückstehen und eines besondern Nachhilfeunterrichtes bedürfen, der sollte sich der schönen Aufgabe um ihrer selbst willen unterziehen, ohne dadurch auf die Bekämpfung des Antisemitismus abzuzielen. Da aber die Herren die Sozialdemokratie als Schädling der deutschnationalen Geginnung ansehen, so fänden sie ausserhalb der Reihen des Judentums ein ungleich weiteres Feld für ihre Tätigkeit, als unter den Juden. Seltsamerweise hat die neue Vereinigung — der übrigens die Kreuzzeitung ihren Segen erteilt und ihre Hilfe zugesagt hat — zu ihrem Organ eine Zeitung gewählt, die sich „Toleranz''4 nennt. Die Waisen der Qpfer von Kischinew haben vor kurzem auf dem Umweg über Wien- Triest Europa ver-. lassen, um sich nach Palästina zu begeben, wo sie eine neue Heimat finden sollen. Es begleitete sie Herr Beikind, ein verdienter und bewährter palästinensischer Pädagoge. Die Kinder waren in Wien Gegenstand herzlicher Aufnahme von Seiten der dortigen Zionisten. Auch andere Gesellschaftskreise wetteiferten darin, den armen Kleinen ihre Sympathien zu bezeugen. Der Prozess gegen die Ruhestörer von Kischinew hat begonnen und dürfte etwa sechs Wochen dauern. Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3»5<>» für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen Reiches unter Mo. 6174 der Postzeitungsliste sowie durch alle Postämter Oesterreichs und Fusslands und durch die Expedition dieser Zeitschrift. Ansteigen 50 Pfennig die vier gespaltene Petitzeile, grössere Anzeigen nach Harif, bei Wiederholungen Rabatt, Stellen-Gesuche und -Angebote zum halben Preise* Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVABY & Co. (Inh. HUGO BLOCH & Dr. F. GOTTHELF) Verlagsbuchhandlung und Antiquariat, Berlin NW., Neue' Wilhelmstrasse 1. Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag von S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von J. S. Preuss, Berlin S.W. 19.— Cliches von der Graphischen Kunstanstalt Richard Labisch & Co., Berlin S.W.

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