Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Das galizische Hilfswerk und die Mitwirkung der ausländischen Glaubensgenossen
- Date
- 1903-12-01
- Page
- Seite 795 - 796 (sequence 2)
- Language
- German
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795 Maximilian Paul-Schiff: Das galizische Hilfswerk etc. 796 als allermodernste Richtung wieder aufersteht, und trotz allen Gejammers ethischer Schwärmer kann es bei der Frage des Mädchenhandels auch nicht anders sein. Einem etwaigen Vorwurf, dass ich eine Sittlichkeits- und Menschlichkeitsfrage rein kaufmännisch behandle, sehe ich mit Ruhe entgegen. Seit der Griechen- und Römerzeit hat die Frage der Prostitution alle Nationalökonomen, Sozialpolitiker und Gesetzgeber unaufhörlich beschäftigt; noch immer aber hält man bei der einen einzigen Frage: Reglementierung oder freie Prostitution. Auch in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung dürfte hierin kein nennenswerter Wandel geschaffen werden. Dass das Material für den Mädchenhandel sich dort rekrutieren wird, wo die wirtschaftlichen Existenzbedingungen die traurigsten sind, braucht nicht erst gesagt zu werden, ebenso wenig, dass hinsichtlich des jüdischen Materials Galizien und Russland mit ihren hunderttausenden, dem Hungertyphus preisgegebenen Seelen naturgemäss das beste Reservoir liefern. Vor allem wäre also die wirtschaftliche Hebung dieser Länder ins Auge zu fassen, wie es das Bestreben des Galizischen Hilfsvereins und der Oesterreichisch-israelitischen Union in Wien stets gewesen ist, die dieses Ziel, unabhängig von philanthropischem Beiwerk, verfolgen. Nur eine systematische, schwierige Arbeit auf rein wirtschaftlichem Gebiet kann eine Aenderung des Uebels schaffen, Kongresse und Belehrungen werden herzlich wenig helfen, zumal in Galizien, wo sie durch den Chassidismus paralysiert werden. Wohl könnte man dem schmachvollsten Faktor des Mädchenhandels, d. i. den Mädchenhändlern, weit energischer an den Leib gehen, als es geschieht, besonders dann, wenn es sich um falsche Vorspiegelungen bei der Entführung handelt. Aber auch hier soll man sich nicht zu viel versprechen, denn erfahrungsgemäss reihen sich sofort neue Mittelspersonen in den schmachvollen Handelsconcern ein, wenn die Behörden wirklich einmal eines der berüchtigten Kaften habhaft werden. Es kann leider nicht geleugnet werden, dass diese mit christlichen und jüdischen Mädchen handelnden Vermittler grösstenteils Juden sind. Aus diesem Grunde war es nun höchst inopportun, die Frage des Mädchenhandels in Galizien zum Gegenstand einer Aufsehen erregenden Besprechung zu machen. Die Kaften bilden die partie la plus honteuse des Judentums, und es gibt den Antisemiten nur berechtigte Angriffe, wenn sie sehen, dass man sich auf jüdischer Seite scheut, den wirklichen Seuchenherd bei allgemeiner Besprechung der Frage anzuschneiden. Das hätten die Herren Kongresseinberufer sich wohl sagen können, bevor sie eigenmächtig an die Einberufung gingen und bevor sie die übermässige Aufbauschung der traurigen Zustände veranlassten. Wären die Herren korrekt vorgegangen, so hätten sie allerdings noch manches andere tun müssen, vor allem die kompetenten inländischen Faktoren befragen, ob eine Konferenz über den Mädchenhandel überhaupt opportun sei. Ueber die Antwort wäre kein Zweifel gewesen. Aber auch die sachliche Seite der Frage, nämlich die Bedeutung des galizisch-jüdischen Anteils an dem Prostituierten-Materiale, hätten die Herren bedenken und sich befragen sollen, ob denn dieser Anteil überhaupt eine so grosse Rolle spielt, wie von Seite einiger Rabbiner geflissentlich verbreitet zu werden pflegt. Dies umsomehr, als auch nicht das geringste statistische Material vorliegt, das hier Aufschluss geben könnte. Verschweigen doch sowohl die Angehörigen der Prostituirten, als die Bordellbesitzer wohlweislich Alles. Warum ist es denn Ausländern niemals eingefallen, einen solchen Kongress in Ungarn zu veranstalten, das ja bekanntlich den allergrössten Teil der Bordelle aller Weltteile versorgt, und bei dem die Jüdinnen wahrlich mit keinem geringen Prozentsatze beteiligt sind? Weil die Ungarn jede Einmischung in heimische Zustände energisch abzuwehren wissen, und sicherlich hätten unsere ungarischen Glaubensgenossen zu allererst gegen derartige ausländische Intervention protestiert. Es kann nur lebhaft bedauert werden, dass es von österreichischer Seite in landesüblicher Indolenz nicht auch geschehen ist. Was hätten aber erst unsere deutschen Glaubensgenossen gesagt, wenn die Österreichisch - israelitische Union in Wien angesichts eines Missstandes in Westfalen oder Posen mit Umgehung des „Hilfsvereines Deutscher Juden" oder des „Zentralvereines Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sich mit der Kultusgemeinde Münster oder Posen und einigen österreichischen Rabbinern ins Einvernehmen gesetzt, ad hoc einen Kongress bestimmt und in zwölfter Stunde die massgebenden deutschen Korporationen als Gäste auf deutschem Boden eingeladen hätten? Ich glaube nicht fehl zu gehen, wrenn ich annehme, dass dies als unerhörte Anmassung und Einmischung bezeichnet worden wäre. Dass die geehrte Leitung des „HilfsVereines Deutscher Juden", mit welcher ich als ehemaliger Obmann des Galizischen Hilfsvereins in angenehmstem Verkehr gestanden habe und dessen verständnisvolles, opferwilliges Verhalten ich persönlich nicht genug zu schätzen weiss, keineswegs über die Tragweite des Kongresses im Klaren gewesen ist und sicherlich von der Ansicht ausgegangen sein dürfte, dass die ICultusgemeinde Lemberg das Einverständnis der massgebenden österreichischen Korporationen eingeholt hatte, als sie im Verein mit ausländischen Korporationen einen Kongress ansetzte, davon bin ich überzeugt. Weniger überzeugt bin ich allerdings, dass der ganz und gar nicht berufene „Deutsche Rabbinerverband" oder das jüdische Zvveigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels in Hamburg auf das Einverständnis der kompetenten österreichischen Faktoren Gewicht gelegt haben werden. Weiss ich doch aus eigener Erfahrung, dass das letztgenannte Zweigkomitee wertvolle Anregungen der Oesterreichisch-